Dokumentation einer RH-
Debatte von 1991
Vorstand des Hans-Litten-Archivs
Eine jüngst entdeckte Materialsammlung der Roten Hilfe OG Lübeck dokumentiert eine
Auseinandersetzung zum Umgang mit sexualisierter Gewalt, die im Frühjahr 1991 zu
hitzigen Konflikten in der Solidaritätsorganisation führte. Unter dem Titel „Vergewaltigung –
Verteidigung von Vergewaltigern – Genossensolidarität, Männerkumpanei oder
Fortsetzung des Herrschaftsverhältnisses“ (S. 1) lud die Lübecker Ortsgruppe zu einer
Offenen Mitgliederversammlung am 23. Mai 1991 ins Café des Arbeitslosenzentrums. Um
Interessierten eine intensive Vorbereitung zu ermöglichen, stellte sie auf 16 Seiten
Stellungnahmen autonomer und feministischer Zusammenhänge, Artikel und Interviews
aus linken Zeitungen sowie einen Beitrag der Roten Hilfe OG Kiel zusammen.
Der Hintergrund umfasste mehrere Ereignisse und Themen: Nachdem ein Lübecker
Aktivist 1989 seine Ex-Freundin vergewaltigt hatte, war er aus den politischen Strukturen
ausgeschlossen worden und bekam Hausverbot in den autonomen Zentren der Stadt. Im
September 1990 stand der Täter vor Gericht und wurde von einem linken Kieler Anwalt
vertreten, den auch die Rote Hilfe bis dahin regelmäßig empfahl. Der Prozessverlauf, die
Verteidigungsstrategie und die folgende Bewährungsstrafe lösten in der Lübecker Szene,
vor allem aber bei der Betroffenen und ihren Unterstützerinnen* von der Notruf-Gruppe
Empörung aus. In Kiel gab es hingegen Verständnis für den Anwalt und sogar für den
Vergewaltiger, was bei einer Offenen Mitgliederversammlung der Roten Hilfe OG Kiel am
25. April 1991 zu einer Eskalation führte.
Das vier Din A3-Blätter starke kopierte Heft zieht den Blick durch rotes Umschlagpapier
auf sich, verzichtet aber weitgehend auf Layout: Die durchgehend eng beschriebenen
Seiten weisen nur bei den dokumentierten Artikeln aus der Szene-Publikation
„Gegenwind“ Abbildungen auf.
In ihrer Einladung zur Veranstaltung am 23. Mai umreißt die Rote Hilfe OG Lübeck die
bisherigen Ereignisse und schildert täterschützende Aussagen in Kiel, die „zum Kotzen“
seien: „Für die Rote Hilfe wird es dabei höchste Zeit, endlich eine klare antipatriarchale
Position zu beziehen“ (S. 2). Die Folgeseiten beinhalten den Prozessbericht einer Notruf-
Aktivistin in der feministischen Zeitung „Zimtzicke“ und einen Artikel zur anwaltlichen
Verteidigungsstrategie in „Land unter“. Ganze acht Seiten nehmen Beiträge aus der
Monatszeitung „Gegenwind“ ein: Sie druckte in der Ausgabe Nr. 38 ein Interview mit dem
Kieler Strafverteidiger, flankiert von zwei kritischen Männer-Kommentaren, ab, um in der
Folgeausgabe ausschließlich die Perspektiven von Frauen* sichtbar zu machen. Unter
dem Titel „Anwalt des Patriarchats?“ kommentierten zwei Aktivistinnen* die Haltung des
Juristen, gefolgt von einem Interview mit den Lübecker Notruf-Frauen. Auch die Einladung
der Roten Hilfe OG Kiel zur Offenen Mitgliederversammlung im April 1991, die sie in der
Rote Hilfe Zeitung zusammen mit einer Positionierung zum Vorgehen des Anwalts
veröffentlicht hatte, ist dokumentiert. Den Abschluss des Heftes, der durch das rote
Umschlagpapier wieder hervorgehoben ist, bildet eine Erklärung der Autonomen Gruppe
Lübeck, die sich „wütend und entsetzt über den Verlauf der ‚Roten Hilfe‘-
Diskussionsveranstaltung“ (S. 15) in Kiel zeigt.
Die Dokumentation der Ortsgruppe Lübeck umfasst mehrere Diskussionsstränge, die die
Solidaritätsorganisation in den frühen 1990ern prägte: Zum allgemeinen Umgang mit
sexualisierter Gewalt und mit Tätern in linken Zusammenhängen kommt die Frage, ob
linke Anwält*innen, die Vergewaltiger verteidigen, weiterhin von der Roten Hilfe e. V.
empfohlen werden können – und ob eine „antipatriarchale“ Verteidigungsstrategie denkbar
ist. Ebenfalls angerissen wird der Spagat zwischen prinzipieller Knastkritik und derForderung von Haftstrafen für Vergewaltiger. An vielen Punkten ist das Lübecker Heft bis
heute aktuell
Hans-Litten-Archiv e.V.