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Frauen in der illegalen Roten Hilfe Deutschlands

Am  27. Mai 2021 jährt sich der Todestages der Antifaschistin Frieda Seidlitz zum 85. mal. Frieda Seidlitz war in den 30ern eine wichtige Aktivistin der Rote Hilfe aus Berlin-Weißensee. Sie wurde einen Monat lang verhört und gefoltert und verriet keine:n ihrer Genoss:innen.

Anlässlich von Frieda Seidlitz’s Todestag am 27. Mai 2021 organisiert die Kampagne »Frauen imWiderstand« eine Gedenkdemonstration.
(16.30 Uhr, Antonplatz, Weißensee)

Silke Makowski vom Hans-Litten-Archiv  hat als Beitrag zum aktiven Gedenken an Frieda zwei Texten zur Geschichte der Roten Hilfe Deutschland verfasst. In ihrem Text »Frauen in der illegalen Roten Hilfe Deutschlands (RHD)« beschreibt sie die wichtige Rolle, die den Frauen innerhalb der Roten Hilfe inne hatten, gerade nach dem ein Großteil der linken Organisationen von den Nazis zerschlagen wurden oder deren Mitglieder abgetaucht waren. Sie beschreibt, wie auch ihr Text »Die Rote Hilfe Deutschlands im antifaschistischen Widerstand«, die politische Arbeit der RHD in der Illegalität. Zugleich würdigt ihr Beitrag die antifaschistische Widerstandstätigkeit von Frauen – allein schon durch deren Sichtbarmachung.
So teilt auch Frieda Seidlitz das Schicksal vieler Antifaschist:innen, denen nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus im Gegensatz zu (cis-) männlichen Widerstandskämpfern, nicht die selbe Würdigung und Bekanntheit zu Teil wurde. Frieda Seidlitz politische Arbeit ist eines von vielen Beispielen für die zahlreichen Rote Helferinnen, die ihren Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus leisteten. Ihr Andenken zu ehren ist praktizierter Feminismus und gelebter Antifaschismus.

 


Frauen in der illegalen Roten Hilfe Deutschlands (RHD)
»Das Rote Frauenaktiv Nordost sammelte in der Märzkampagne 50.- Mark«

von Silke Makowski (Hans-Litten-Archiv)

Schon immer hatten sich viele Frauen in der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) engagiert, einer KPD-nahen Solidaritätsorganisation, die 1924 gegründet worden war. Den wohl wichtigsten Schwerpunkt bildete die materielle Unterstützung der politischen Gefangenen und ihrer oftmals verarmten Familien, doch mit der wachsenden staatlichen Repression wurden die juristische Beratung für Angeklagte und die Finanzierung von AnwältInnen immer wichtiger. Daneben setzte sich die RHD mit Kampagnen für Amnestien und gegen Gesetzesverschärfungen ein und informierte in ihren zahllosen Zeitungen und Broschüren über die Verfolgung von GenossInnen im In- und Ausland. Vor allem innerhalb der ArbeiterInnenbewegung erfreute sich die RHD großer Beliebtheit, aber auch Prominente wie Albert Einstein, Käthe Kollwitz oder Thomas Mann unterstützten die Aktivitäten der Roten Hilfe, die Ende 1932 fast eine Million Mitglieder umfasste.

Die Solidaritätsorganisation bemühte sich erfolgreich um das weibliche Umfeld: Mit geschlechtsspezifischen Publikationen, Frauenkundgebungen und dauerhaften Arbeitsfeldern wie dem Kampf gegen den § 218 erreichte die RHD viele Beitritte. Lag der Anteil weiblicher Mitglieder 1926 bei rund 19 Prozent, stieg er bis 1932 auf immerhin knapp 27 Prozent – weit mehr als in den Parteien und anderen Massenorganisationen –, und mit über 33 Prozent lag der Bezirk Berlin-Brandenburg deutlich über dem Durchschnitt. In allen Leitungen gab es Zuständige für die Frauenarbeit, und teilweise wurden eigenständige Rote-Hilfe-Frauengruppen gegründet.

Tatsächlich war die Mitwirkung in der RHD für politisch interessierte Proletarierinnen weit einfacher als in den Parteien, die im patriarchalen Umfeld weitgehend als Männerdomäne galten. In der Solidaritätsarbeit gab es zahlreiche Abläufe, die sich auch in den von Mehrfachbelastungen geprägten Alltag der Arbeiterinnen integrieren ließen: Die Sammlung von Sachspenden in benachbarten Geschäften, die Kassierung der Mitglieder im Wohnumfeld oder das Zusammenstellen von Päckchen für Gefangene waren leichter mit den vielfältigen Aufgaben von Haushalt, Kinderbetreuung und Lohnarbeit zu vereinbaren als abendliche Gremiensitzungen.

Obwohl also ihr Anteil und ihre Wahrnehmbarkeit in den RHD-Alltagsaktionen stetig stiegen und prominente Aktivistinnen wie Jelena Stassowa und Clara Zetkin an der Spitze der Organisation standen, waren Frauen in den Bezirksleitungen und im Zentralvorstand deutlich unterrepräsentiert. Meist hatten sie höchstens Basisfunktionen inne, etwa als Stadtteilkassiererin oder Ortsgruppenleiterin in kleineren Städten.

Dass die Roten Helferinnen in der Regel in der zweiten Reihe gestanden hatten, bekam im Frühjahr 1933 eine große Bedeutung. Nach der Machtübertragung an die Nazis setzten die Massenverhaftungen auch gegen die SolidaritätsaktivistInnen ein, und bereits im März wurde die RHD verboten. Da die Unterlagen der Politischen Polizei vor allem Angaben zu den bekannteren männlichen Mitgliedern enthielten und das Engagement von Frauen ohnehin unterschätzt wurde, wurden die meisten Genossinnen nur kurz oder überhaupt nicht in die KZs verschleppt. Nun war es an ihnen, die Unterstützung für die Verhafteten und ihre Familien zu organisieren und die Rote Hilfe in die Illegalität zu überführen. Denn gerade in dieser Situation war diese Arbeit nötiger denn je: Das Wissen um solidarische Strukturen im Hintergrund, die im schlimmsten Fall den Angehörigen zur Seite stehen würden, war für viele WiderstandskämpferInnen ausschlaggebend bei ihrer Entscheidung, die Gefahren des antifaschistischen Kampfes auf sich zu nehmen.

Allerdings musste die illegale RHD große Hürden meistern und wurde immer wieder durch massive Verhaftungswellen zurückgeworfen, die teils eingeschleusten Gestapospitzeln, teils der Unerfahrenheit der an die Legalität gewohnten AnhängerInnen geschuldet waren. Trotzdem gelang es, die Organisation im Untergrund wieder aufzubauen, und in vielen Regionen war noch eine größere Zahl an Ortsgruppen tätig, deren Arbeit von Bezirksleitungen koordiniert wurde. Die klandestine Kommunikation wurde durch KurierInnen und InstrukteurInnen sowie über Postdeckadressen aufrechterhalten.

Schon im Frühjahr 1933 stieg nicht nur der Anteil der Frauen in den verbliebenen Basisgruppen deutlich an, sondern auch in höheren Posten. Häufig übernahmen weibliche Angehörige umgehend die Leitungsaufgaben ihrer verhafteten Ehemänner, Brüder oder Väter, deren Tätigkeit sie zuvor durch unsichtbare Zuarbeit ermöglicht hatten und bestens kannten. Der RHD-Zentralvorstand machte bereits im April 1933 in einem Rundschreiben auf diese Tatsache aufmerksam: » Ganz besonders eignen sich (…) die Frauen für die Durchführung der Solidaritätsarbeit. In breitester Weise, entschlossen und unter rücksichtsloser Beseitigung aller auch noch in unseren Reihen vorhandenen Vorurteile müssen die Frauen zu den Funktionen für unsere gesamte Arbeit mit herangezogen werden. Viele Beweise liegen vor, dass die Frauen der verhafteten Antifaschisten sich demonstrativ bereit erklärten, die Funktionen ihrer Männer zu übernehmen« (SAPMO RY1/I4/4/29 Blatt 7).

Um die durch den NS-Terror entstandenen Lücken zu füllen, wurden sogar recht unerfahrene Aktivistinnen mit zentralen Aufgaben betraut: Die Leiterin der kleinen RHD-Ortsgruppe Viernheim, Maria Mandel, wurde mit dem Wiederaufbau des Bezirks Baden-Pfalz beauftragt, und Lore Wolf rückte Ende 1933 in die Bezirksleitung Hessen-Frankfurt auf, obwohl sie der Roten Hilfe erst im Frühsommer 1933 beigetreten war. Im direkten Umfeld des Berliner Zentralvorstands arbeitete 1933/34 Eva Lippold als Reichskurierin, obwohl sie vor dem Verbot nur passive Beitragszahlerin gewesen war, und ähnliche Beispiele finden sich fast überall.

Auch in den Exilstrukturen der Roten Hilfe spielten Frauen eine prominente Rolle, indem beispielsweise die geflüchteten Partnerinnen inhaftierter oder ermordeter Antifaschisten bei Versammlungen sprachen. Bekannt ist Cläre Muth, deren Mann Willi die Gestapo bei der Zerschlagung der illegalen Gewerkschaften in Wuppertal zu Tode gefoltert hatte und die in den Niederlanden die Proteste und Hilfsaktionen koordinierte. Ebenfalls als Rednerin, aber auch als Autorin engagierte sich Martha Berg-André, die nach dem Justizmord an ihrem Lebensgefährten 1936 die RHD-Broschüre »Etkar André, mein Mann und Kampfgefährte« verfasste.

Die früher prägenden Massenkampagnen waren in der Illegalität hingegen kaum noch möglich, und nur vereinzelt traten die Rote-Hilfe-Gruppen mit frauenspezifischen Flugblättern an potenzielle Unterstützerinnen heran. Allerdings produzierte der Zentralvorstand entsprechende Publikationen wie die beiden 1934 erschienenen Broschüren » Frauen unter faschistischem Terror! Frauen an der Solidaritäts- und Kampffront!« und » Mütter, kämpft für eure Kinder!«, die sich mit dem NS-Terror gegen Antifaschistinnen befassten und die Leserinnen zur Mitarbeit aufriefen.

War die RHD Berlin schon in der Weimarer Republik vorbildlich in der Werbung weiblicher Mitglieder gewesen, setzte sie diese Arbeit auch in der Illegalität fort. Als sich im September 1933 eine neue Bezirksleitung um Hans Seigewasser formierte, wurde mit Maria Lehmann aus Weißensee umgehend eine eigene Frauenleiterin eingesetzt, die zusammen mit Hilde Seigewasser und Erna Bartz große Erfolge verbuchen konnte. In einem Bericht über das erste Halbjahr 1934 beklagte der Zentralvorstand die mangelhafte Frauenarbeit in den meisten RHD-Bezirken und führte die Hauptstadt als positive Ausnahme an: » Berlin hat eine besondere Frauenzeitung herausgegeben, hat zwei Frauenaktivs geschaffen, von denen das eine ein sehr gutes Begrüssungsschreiben an den Mopr-Kongress absandte (). Das Rote Frauenaktiv Nordost sammelte in der Märzkampagne 50.- Mk. in bar und 1 Zentner Lebensmittel bei kleinen Geschäftsleuten und Angestellten« (SAPMO RY1/I4/4/27 Bl. 86f). Laut diesem Schreiben wurde die Zeitung vom RHD-Frauenaktiv Luxemburg in einer Auflage von rund 800 Stück hergestellt.

Innerhalb der Gesamtorganisation übernahmen weibliche Mitglieder häufig zentrale Aufgaben bei der Verwaltung und Druckschriftenproduktion, weil sie Erfahrungen im Schreibmaschineschreiben hatten. Zum Beispiel bildete Charlotte Gerbeit zusammen mit Max Treder den Kern des Technischen Apparats der RHD Berlin, der unter anderem die Zeitung » Informationsdienst« produzierte. Käte Kaufmann, die führend in der RHD Weißensee aktiv war, stellte die Matrizen für das Stadtteilblatt » Bruderhand« her.

Ein weiteres Aufgabenfeld bot sich für Rote Helferinnen in der Familienhilfe – sei es in der Betreuung der Frauen der politischen Gefangenen, mit denen sie die anfallenden Alltagsprobleme diskutierten und die sie moralisch stärkten, sei es in der praktischen Unterstützung für Männer, die nach der Verhaftung ihrer Ehefrauen mit Kinderbetreuung und Haushalt überfordert waren.

Gerade im sympathisierenden Umfeld erprobten Frauen spezielle Spendenaktionen, darunter sogar private Solidaritätsfeiern. Maria Lehmann erinnerte sich später an regelmäßige Einnahmen aus » Moabit, wo eine alte Genossin Kaffeenachmittage mit musikalischer Begleitung für Gäste organisierte und die dabei gesammelten Gelder an die Rote Hilfe abführte« (zit. n. Sandvoß, Widerstand in Prenzlauer Berg und Weißensee, Berlin 2000, S. 121).

Im Sommer 1934 erreichte die koordinierte Tätigkeit der Berliner RHD-Frauengruppen, die auch nichtkommunistische Aktivistinnen ansprachen, ihren Höhepunkt, und ein Brief des Zentralvorstands vermerkte im Herbst: »Interessant ist, dass die Frauenarbeit () Einheits- und Massencharakter hatte. Eine Reihe von SPD-Frauengruppen hatte sich der RH angeschlossen. Es wurde mit der Organisierung einer Delegation zum Frauen-Kongress begonnen« (SAPMO RY1/I4/4/27 Bl. 109), der vom 4. bis 6. August 1934 in Paris stattfand.

Jedoch setzte im September eine NS-Terrorwelle ein, die fast die gesamte Bezirksleitung traf und die RHD-Arbeit in Berlin weit zurückwarf. Auch Maria Lehmann wurde im Prozess gegen Max Lenk u. a. am 16. Februar 1935 angeklagt und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach ihrer Entlassung wurde sie als Jüdin immer offener angefeindet und floh im Mai 1939 nach England. Ihre Genossin Hilde Seigewasser blieb weiter im Widerstand tätig, bis sie im September 1943 verhaftet wurde; im Februar 1945 starb sie bei der Bombardierung des Zuchthauses Cottbus.

Dennoch arbeiteten viele Rote-Hilfe-Gruppen weiter, wobei den Frauen besondere Möglichkeiten offenstanden: Bei ihren Widerstandsaktionen konnten sie geschlechtsspezifische Handlungsmuster nutzen, die den faschistischen Repressionsorganen und denunziationswilligen NachbarInnen unverdächtig erschienen. Sie tarnten klandestine Treffen als Kaffeekränzchen oder als Tratsch auf dem Friedhof, und der Flugblatttransport im Kinderwagen oder Einkaufskorb war weit geringeren Risiken ausgesetzt als in den Koffern, die die männlichen Mitglieder benutzten. Viele Frauen waren deshalb als Kurierinnen oder in der Vernetzung tätig, weil sie die patriarchalen Geschlechterstereotype zu ihren Gunsten nutzen konnten und weit seltener in Kontrollen kamen.

Selbst wenn sie in die Fänge der Gestapo gerieten, stuften die Nazis sie oftmals als harmlose Mitläuferinnen ein, die unwissentlich instrumentalisiert worden waren, und setzten sie wieder auf freien Fuß. Entsprechend selten wurden die Ermittlungsverfahren gegen Rote Helferinnen zur Anklage gebracht, und bei Verurteilungen erhielten sie weit geringere Strafen als ihre Mitstreiter. Nicht selten wurde ihnen jegliches politisches Bewusstsein abgesprochen oder die Schuld ihren Ehemännern angelastet, vor allem wenn sie sich nur als Beitragszahlerinnen beteiligt hatten. Ein Beispiel dafür bilden die Prozesse gegen die RHD Prenzlauer Berg: Am 2. April 1937 befand der 4. Strafsenat des Berliner Kammergerichts im Verfahren gegen Gustav Schulze u. a. die zuständige RHD-Zellenkassiererin Frieda Hindemith für schuldig, von 1933 bis Januar 1936 fast durchgehend Beiträge unter anderem bei den Eheleuten Goldau kassiert zu haben. Hindemiths Beteuerung, von der Strafbarkeit ihrer Aktivitäten nichts gewusst zu haben, wurde jedoch angesichts ihrer jahrelangen RHD-Funktionärinnentätigkeit seit der Weimarer Republik kein Glaube geschenkt. Nur vier Tage später sprach das gleiche Gericht hingegen die von Hindemith kassierte Rote Helferin Marie Goldau im Prozess gegen Max Schlichting u. a. vom Vorwurf der Beitragszahlung frei, weil das Gericht ihrer Schilderung folgte, dass sie das Geld nur auf Befehl ihres Ehemanns hin aus der von ihm finanzierten Haushaltskasse ausgezahlt und somit keine eigenständige strafbare Handlung begangen habe. Indem bei Frauen die Prozesse oft mit Einstellungen oder sogar Freisprüchen endeten oder sie nach relativ kurzer Haftzeit freikamen, konnten sie auch nach Repressionswellen die Solidaritätsgruppen neu aufbauen.

Allerdings fielen auch viele weibliche RHD-Mitglieder dem brutalen NS-Terror zum Opfer, insbesondere Aktivistinnen, die durch ihre führende Beteiligung allzu offensichtlich gegen das Bild der » unpolitischen Frau« verstoßen hatten: So verhängte der berüchtigte Volksgerichtshof am 25. Juli 1935 neun Jahren Zuchthaus gegen die Reichskurierin Eva Lippold, und am 18. Juni 1941 verurteilte er Lore Wolf, die nach ihrer Mitarbeit in der Bezirksleitung Hessen-Frankfurt jahrelang im Exil für die RHD tätig gewesen war, sogar zu zwölf Jahren Zuchthaus.

In den Gestapoverhören wurden nicht wenige Rote Helferinnen brutal gefoltert, darunter Hilde Didzuhn, in deren Wohnung in Unter den Linden 16 im Frühjahr 1933 das illegale Büro des Zentralvorstands untergebracht war; sie starb 1937 an den Folgen der schweren Misshandlungen. Noch bekannter ist der Fall der RHD-Funktionärin Frieda Seidlitz aus Weißensee, der engsten Mitarbeiterin des Bezirksleiters Fritz Hödel, von der sich die Gestapo besondere Einblicke in den gesamten illegalen Apparat erhoffte. Als Verbindungsfrau zur Exilleitung der Roten Hilfe in Prag und in alle Berliner Stadtteile kannte sie zahllose Anlaufstellen und Kontaktpersonen; unter anderem verteilte sie die aus dem Ausland eingeschmuggelten RHD-Zeitungen und den » Informationsdienst« des Bezirksvorstands in sämtliche Viertel. Einen ganzen Monat lang hielt Seidlitz den bestialischen Torturen in den Verhören stand, bis sie schließlich am 27. Mai 1936 Selbstmord beging, um keine GenossInnen zu belasten. Über den Hergang resümierte die Gestapo am 10. Juni 1936: » Sie selbst verweigerte bald vier Wochen lang jede Aussage, leugnete selbst bei Gegenüberstellung mit Hödel jede Bekanntschaft und Arbeit mit ihm und machte auch keine Aussage über ihren letzten Aufenthalt. Nach dieser Zeit gelang es jedoch durch eine Überrumpelung, von der S. endlich ihr letztes Quartier zu erfahren. Dieses einzige Geständnis muss sie so niedergedrückt haben, dass sie 2 Tage später Selbstmord beging« (SAPMO R 58 2169 Bl. 220).

Der faschistische Terror hatte Mitte der 1930er Jahre die illegalen RHD-Strukturen im gesamten Reichsgebiet geschwächt, und viele Solidaritätsgruppen waren isoliert und beschränkten sich auf Spendensammlungen. Dennoch initiierte der Zentralvorstand 1937 eine letzte große Kampagne, die die Begnadigung der Stuttgarter Kommunistin Liselotte Herrmann forderte. Anlass war die Tatsache, dass sie als erstes weibliches Mitglied des antifaschistischen Widerstands zum Tod verurteilt worden und zudem alleinerziehende Mutter eines Kleinkindes war. Mit internationalen Protesten, bei denen besonders Frauenorganisationen angesprochen wurden, sowie illegalen Flugblattverteilungen erzeugte die Rote Hilfe monatelang große Aufmerksamkeit, doch konnten die Aktionen nicht verhindern, dass Lilo Herrmann am 20. Juni 1938 in Plötzensee hingerichtet wurde.

Wenig später wurde die RHD offiziell aufgelöst, aber auch danach blieben viele Gruppen tätig, und bis zur Befreiung engagierten sich Frauen in der Solidaritätsarbeit. Zu den kontinuierlichsten Strukturen zählte der Moabiter RHD-Kreis um Ottilie Pohl und Rosa Lindemann, die bis in die 1940er Jahre Spenden sammelten und illegale Quartiere für Untergetauchte organisierten. Pohl blieb trotz einer Haftstrafe wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« weiter aktiv, bis sie Ende 1942 als Jüdin deportiert und ermordet wurde. Rosa Lindemann hingegen konnte einer Verhaftung entkommen und gemeinsam mit einigen GenossInnen die Hilfe für die Verfolgten weiterführen.

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Wiederholung der antifaschstischen Wanderung am 06.06.2021 um 11 Uhr in Königs

Wusterhausen

In Gedenken an Repression, Widerstand und Opfer

Start: 11:00 Uhr, Bahnhofsvorplatz

Brunnenplatz: Hier befinden sich einige Stolpersteine, Schicksale sollen hier stellvertretendfür das Leid im Faschismus vorgetragen, im Anschluss die Stolpersteinegereinigt und eine Gedenkminute abgehalten werden.

Festwiese: In der Nähe befand sich die Kreisleitung der FDJ. Wie entstand diese? Welches antifaschistische Engagement gab es ihrerseits? Auch möchten wir dieRepression gegenüber der heutigen FDJ am 10. Januar 2021 auf der Liebknecht-Luxemburg Demonstration in Berlin kritisieren. Dies geschieht in 2 Redebeiträgen.

Funkerberg: Auf dem Funkerberg beschäftigte sich das Militär bereits früh mit Aufklärungdurch Luftfahrzeuge und Techniken zur Nachrichtenübermittlung. Diestationierten Freikorps erschossen am 20. März 1920 6 Arbeiter undverwundeten zahlreiche weitere. Viele Gefangene wurde in die Kaserne auf dem Mühlberg verschleppt.

Denkmal der Verfolgten des Naziregimes: An dieser Stelle stand das ehemalige Offiziershaus mit Folterkeller. Hier wirdes einen themenbezogenen Redebeitrag zur Historie des Ortes geben.

Vor dem Amtsgericht Königs Wusterhausen: In einer Rede zur Roten Hilfe Deutschlands wird hier auf Verfolgung, Repression und Inhaftierung von Antifaschist*innen unter dem Regime derNationalsozialist*innen ab 1933 eingegangen.

Ecke Kirchsteig/ Storkower Straße: Hier erfolgen Worte des Anmelders. Anschließend möchten wir zusammen zurGedenktafel des KZ-Außenlagersgehen um eine örtlich bezogene Rede zuhören und zu gedenken.

Sonntag, 06.06.2021 um 11 Uhr // Start: Bahnhofsvorplatz Königs Wusterhausen

 

veranstaltet von:

Antifaschistischer Stammtisch Königs Wusterhausen /Offenes Antifa Treffen (OAT) Königs Wusterhausen
 
  1. Mai 1929: Berlins Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel wußte von den friedlichen Demonstrationsabsichten der KPD. Trotzdem richtete er in Berlins Straßen ein Blutbad an

 

Gedenkveranstaltung: 92 Jahre Blutmai | 15 Uhr | Wiesenstraße 43, Berlin–Wedding

 

Link zu Bildern der Veranstaltung

Von Nick Brauns

Nach gewaltsamen Zusammenstößen zwischen der faschistischen SA und linksstehenden Arbeitern verfügte der sozialdemokratische Berliner Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel am 13. Dezember 1928 ein Verbot aller Versammlungen unter freiem Himmel. Doch der Anstieg politischer Gewalt war nur ein Vorwand. Denn am Vorabend des Verbots hatte es ein Treffen zwischen dem preußischen Innenminister Albert Grzesinski, Reichsinnenminister Carl Severing und dem preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun gegeben, auf dem die sozialdemokratischen Politiker ein Verbot der kommunistischen Selbstschutzformation Roter Frontkämpferbund (RFB) erörterten. Severing verweigerte die von Grzesinski geforderte Zustimmung zu einem RFB-Verbot mit der Begründung, die vom RFB ausgehende »öffentliche Gefahr« müsse erst durch weitere Verstöße bewiesen werden. Mit dem im März auf ganz Preußen ausgedehnten Versammlungsverbot unter freiem Himmel sollten die Kommunisten offenbar zu solchen Verstößen provoziert werden. Denn vom Versammlungsverbot betroffen waren auch die traditionellen Kundgebungen zum 1. Mai. Während die sozialdemokratisch geführten Freien Gewerkschaften beschlossen, ihre Maifeiern in Sälen zu veranstalten, bestand die KPD auf Straßendemonstrationen.

Das aus kommunistischen Vertretern der wichtigsten Berliner Großbetriebe und Arbeiterorganisationen gebildete »Maikomitee der Berliner Arbeiterschaft« warnte in seinem Aufruf vom 26. April 1929, daß Zörgiebel »kaltblütig den Arbeitermord für den 1. Mai« vorbereite. »Die Berliner Arbeiter haben in allen Betrieben beschlossen, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen und unter allen Umständen zu demonstrieren«, hieß es in der Roten Fahne vom 27. April. »Die Berliner Arbeiter werden der Tradition des Kampfaufmarsches am 1. Mai auch in diesem Jahr trotz Zörgiebel treu bleiben.« Der Aufruf endete mit der Losung: »Volle Arbeitsruhe am 1. Mai! Rote Fahnen heraus! Straße frei für die Massendemonstration!«

In der sozialdemokratischen Presse wurde in den Tagen vor dem 1. Mai eine Lügenkampagne mit Überschriften wie »KPD braucht Leichen« und »Der Blutkoller bei den Thälmännern« geführt. Doch sogar der Bericht eines in die Berliner KPD-Leitung eingeschleusten Polizeispitzels zeigte, daß die Kommunisten eine »friedliche, unbewaffnete« Demonstration planten. Der RFB sollte Spitze und Ende der Demonstrationszüge bilden, um die mitmarschierenden Frauen und Kinder vor der Polizei zu schützen. »Mit allen Mitteln sind Tendenzen zu bekämpfen, dahingehend, mit militärischen Maßnahmen zu spielen.«1

Obwohl die Polizeiführung informiert war, daß keineswegs ein kommunistischer Putsch drohte, ließ sie in einem »Mai-Befehl« alle 16500 Berliner Polizisten mobilmachen, Panzerwagen bereitstellen und Aufklärungsflugzeuge chartern. Die Politische Polizei behauptete, linksradikale Demonstranten planten, durch Schüsse ein Eingreifen der Polizei zu provozieren. Im Einsatzbefehl von Zörgiebel und Schutzpolizeikommandeur Magnus Heimannsberg wurde daraufhin der zunächst noch enthaltene Satz »vom Waffengebrauch ist, soweit es nicht zur Verteidigung unbedingt erforderlich, abzusehen«, wieder gestrichen. Ein Blutbad war damit ausdrücklich eingeplant worden.

Kampf im »roten Wedding«

Bereits in den Tagen vor dem 1. Mai kam es zu einer Reihe von Zusammenstößen mit Kommunisten, bei denen die Polizei auch Warnschüsse abgab. Am 30. April wurden kommunistische Flugblätter mit der Falschmeldung verbreitet, das Demonstrationsverbot sei aufgehoben worden. Am Morgen des 1. Mai – einem Werktag – bildeten sich ab 9 Uhr in den Arbeiterbezirken kleinere Demonstrationszüge in die Innenstadt. Doch statt der von der KPD erhofften bis zu 300000 Demonstranten gingen nur einige Zehntausend auf die Straße.2 Ernst Meyer als Vertreter des schwachen »Versöhnlerflügels« innerhalb der KPD gab später einer fehlenden Einheitsfrontstrategie der KPD gegenüber den reformistischen Verbänden die Schuld an der geringen Beteiligung. »Die Überschätzung unserer eigenen Kraft als Partei hat dazu geführt, daß man sich auf die Spontaneität der Massen verließ, und daß man glaubte, daß der bloße Aufruf zur Demonstration ohne entsprechende organisatorische Vorbereitung schon die Erfolge bringen werde.« So hatten die Kommunisten nicht versucht, ausgehend von den gewerkschaftlichen Mai-Veranstaltungen gemeinsame Demonstrationen mit Sozialdemokraten zu organisieren.

Die Polizei zerschlug sofort jede Menschenansammlung mit Knüppeln und Wasserspritzen. »Leider muß festgestellt werden, daß auch diesmal wieder, wie schon bei früheren Gelegenheiten, die Schärfe des polizeilichen Vorgehens das durch die Aufgabe gebotene Maß weit überschritt. Am Hermannplatz konnten wir uns selbst davon überzeugen, wie die Polizei, ohne die Passanten zu warnen und zum Weitergehen aufzufordern, grob mit den Gummiknüppeln eingriff und geradezu eine ungewöhnliche Treibjagd veranstaltete«, schrieb die liberale Frankfurter Zeitung am folgenden Tag. Zeugen sagten später aus, daß neben Arbeitern mit roten Nelken auch jüdisch aussehende Passanten gezielt verprügelt wurden.

Nachdem Demonstranten sich mit Steinwürfen wehrten, kam es gegen 11.30 Uhr am Hackeschen Markt zum ersten Schußwaffeneinsatz, bei dem zwei Menschen erschossen wurden. In einigen Stadtvierteln errichteten Arbeiter nun Straßenabsperrungen gegen das Eindringen der Polizeiwagen. Unbewiesene Meldungen über angeblich im Wedding und in Neukölln auf Polizeibeamte abgegebene Schüsse wurden von Polizeiführern als Beleg für die Existenz eines »bewaffneten Aufstandes« herangezogen. Nun wurde überall scharf geschossen. Panzerwagen mit Maschinengewehren kamen zum Einsatz gegen Anwohner, die mit Blumentöpfen warfen.

Ein Zentrum der Kämpfe war der »rote Wedding«, wo die KPD bei den Reichstagswahlen im Mai 1928 auf 40,4 Prozent der Stimmen gekommen war. Die Straßenschlachten konzentrierten sich insbesondere auf die Gegend um die kaum 150 Meter lange Kösliner Straße, in deren vierstöckigen Mietskasernen mit bis zu vier Hinterhäusern rund 2500 Menschen lebten. Nach dem Kommando »Fenster schließen, sonst wird geschossen« eröffnete die Polizei das Feuer auf Häuser, deren Bewohner zum 1. Mai eine rote Fahne oder ein Plakat aufgehängt hatte. Erstes Todesopfer am Wedding wurde der sozialdemokratische Reichsbannerführer Max Gemeinhardt beim Versuch, mit der Polizei zu sprechen. Die im nachhinein sowohl von der Polizei als auch der KPD-Legendenbildung vielbeschworene Barrikade in der Kösliner Straße bestand aus einem umgestürtzen Bauwagen und Bauschutt und sollte vor allem das Eindringen von Polizeifahrzeugen verhindern. Die unverteidigte Barrikade wurde schnell von einem Panzerwagen zerstört. Zu heftigen Zusammenstößen kam es auch um die Neuköllner Hermannstraße.

32 Tote, 200 Verletzte

»Zörgiebels Blutmai – das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges!«, warnte das Zentralkomitee der KPD am 2. Mai in einem Aufruf zum »politischen Massenstreik gegen die Arbeitermörder«. In Berlin traten zwar Arbeiter von rund 120 Betrieben und Baustellen in den Streik. Daß der Streikaufforderung reichsweit nur rund 25 000 Arbeiter unter anderem in Hamburg und den Ruhrgebiet folgten, schätzte die KPD als Mißerfolg ein.

Am Abend des 2. Mai kam es in der Kösliner Straße erneut zu Kämpfen, nachdem Anwohner auf der Straße die »Internationale« sangen. Auch in Neukölln nahm die Polizei Arbeiterwohnungen unter Beschuß. Am 3. Mai verhängte Zörgiebel den Ausnahmezustand über die Unruhebezirke. Die Polizei errichtete Maschinengewehrstellungen auf Balkonen und Dächern und leuchtete die Straßen mit Scheinwerfern aus. Wohnungen wurden durchsucht. »Die Säuberung der Hermannstraße sollte auf Befehl des Majors rücksichtslos, wenn erforderlich, mit Waffengewalt durchgeführt werden«, schilderte ein Hauptwachtmeister.3 Während ein Panzerwagen die Häuserfront unter Dauerbeschuß nahm, rückten die Polizeitruppen vor.

Die blutige Bilanz bis zum Abend des 3. Mai: 32 von der Polizei Erschossene, ein von einem Panzerwagen Totgefahrener und rund 200 zum Teil Schwerverletzte. Jüngstes Todesopfer war ein 16jähriges Mädchen, das die Straße nicht schnell genug verlassen hatte. Zehn Menschen waren in ihren Wohnungen oder auf Balkons getötet worden. In keinem einzigen Fall hatten die tödlichen Schüsse nach Polizeierkenntnissen einen Demonstranten getroffen. Von den Toten gehörte nur ein einziger einer kommunistischen Organisation, dem RFB, an. Zwei Tote waren Mitglieder der SPD.

Die Polizei gab 47 meist leicht verletzte Beamte an. Nur ein einziger hatte eine Schußwunde – durch einen Unfall mit seiner Dienstwaffe. Die zuvor von der Polizei als Rechtfertigung für den Schußwaffengebrauch behauptete »heftige Beschießung« durch »zahlreiche Dachschützen« gehörte offenbar dem Reich der Legenden an. Dennoch rechtfertige Innenminister Grzesinski noch am 13. Mai in einer Landtagsrede das Blutbad: »Die Polizei mußte sich im Neuköllner Bezirk der zahlreichen Dach- und Fensterschützen durch lebhaftes Feuer erwehren.«

Juristisches Nachspiel

Von 1228 Verhafteten in den Maitagen gehörten nicht einmal 200 der KPD oder dem RFB an. Die meisten waren gänzlich unbeteiligte Passanten, anderen wurde lediglich die Teilnahme an einer verbotenen Demonstration vorgeworfen. Der von SPD-Politikern herbeigeredete »kommunistische Putschversuch« ließ sich so zwar nicht beweisen, doch am 3. Mai erfolgte mit Zustimmung von Reichsinnenminister Severing das Verbot des Roten Frontkämpferbundes, dem Grzesinski die Verantwortung für die »Mai-Unruhen« gab. Damit hatten sozialdemokratische Politiker erreicht, woran ein deutschnationale Reichsinnenminister noch ein Jahr zuvor gescheitert war.

Am 5. Mai beschloß die pazifistische Liga für Menschenrechte, einen Ausschuß zur Klärung der Mai-Vorgänge zu bilden, um so die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu erwirken. Weder die Zielstellung einer rein parlamentarischen Aktion noch der vom Liga-Generalsekretär Kurt Großmann verfügte Ausschluß von Kommunisten aus dem Ausschuß war für die KPD akzeptabel. Auf Initiative der KPD-nahen, aber überparteilichen Solidaritätsorganisatin für politisch verfolgte Proletarier, der Roten Hilfe Deutschlands, wurde daher am 6. Mai ein weiterer »Ausschuß zur öffentlichen Untersuchung der Mai-Vorgänge« ins Leben gerufen, der unter der Leitung des Chefredakteurs des liberalen Tage-Buch, Stefan Großmann, stand. Dem Präsidium gehörten der bekannte linksliberale Rechtsanwalt Alfred Apfel, der Publizist Carl von Ossietzky, Kunstkritiker Herwarth Walden, Wirtschaftswissenschaftler Alfons Goldschmidt und Rote-Hilfe-Vorstandsmitglied Ottomar ­Geschke an.

Am 6. Juli lud der Ausschuß zum öffentlichen Tribunal in das Große Schauspielhaus mit mehr als 3000 Teilnehmern. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Rechtsanwalt Apfel 300 Zeugen der Mai-Ereignisse vernommen. Nun befragte Professor Goldschmidt öffentlich eine Reihe von Zeugen, darunter auch den KPD-Abgeordneten und Vorsitzenden der Roten Hilfe Wilhelm Pieck. Der Neuköllner Gesundheitsdezernent Richard ­Schmincke bestätige, daß sämtliche Schußverletzungen der von ihm obduzierten Leichen durch Polizeimunition erfolgt seien. Daß die meisten Schüsse die Opfer von hinten oder von der Seite getroffen hatten, sprach gegen die Behauptung der Polizei, sie sei angegriffen worden und habe in Notwehr geschossen. Auch die These von den kommunistischen Heckenschützen auf den Dächern wurde widerlegt, da bei keinem der Todesopfer der Schußkanal von oben nach unten verlief. Drei weitere öffentliche Untersuchungen unter Leitung von Carl von Ossietzky und des anarchistischen Dichters Erich Mühsam wurden in den Weddinger Pharussälen und in Friedrichshain durchgeführt. Ossietzky erklärte abschließend: »Die Verletzung des Demonstrationsverbots ist kein Verbrechen, sondern die Maßnahme einer Arbeiterpartei, die hierin nur der Tradition der alten Sozialdemokratie gefolgt ist.« Die von der Versammlung als Schlußresolution abgestimmten Forderungen lauteten auf Absetzung Zörgiebels als Polizeichef, dem Verbot von Schußwaffeneinsätzen gegen die Bevölkerung, der Freilassung aller wegen der Mai-Vorgänge Inhaftierter und der Entschädigung der Hinterbliebenen der Getöteten.

Im Oktober 1929 kam auch der Ausschuß der Liga für Menschenrechte zu dem Schluß: »Die Leitung der Polizei selbst hat Maßnahmen ergriffen, die von keinem Standpunkt aus mit dem Zweck einer sich dem Staatsganzen einordnenden Polizei in Einklang zu bringen sind, die vielmehr selbst teilweise durchaus gesetzeswidrig waren.«4

In Prozessen gegen Arbeiter, die in den Maitagen als angebliche Aufrührer verhaftet worden waren, erstritten die Rechtsanwälte der Roten Hilfe eine Reihe von Freisprüchen oder Bewährungsstrafen. In gerade einmal 38 Fällen wurden Freiheitsstrafen bis zu maximal neun Monaten verhängt. Die kommunistische Welt am Abend sah darin einen Verdienst des Mai-Ausschusses, der eine solche Fülle von Tatsachen über den Polizeieinsatz zutage gefördert habe, daß die Gerichte nicht achtlos darüber hinweggehen könnten.

Nachdem der Mai-Ausschuß am 8. Juli seine Arbeit beendete, ging es der Roten Hilfe darum, die Erinnerung an die »sozialfaschistischen Mai-Mörder« wachzuhalten und Zörgiebel vor Gericht zu bringen. Da das Gericht die Eröffnung eines von Rechtsanwalt Hans Litten beantragten Ermittlungsverfahrens gegen den Polizeipräsidenten wegen Anstiftung zum Mord in 33 Fällen ablehnte, ging die Rote Hilfe zu einer neuen Taktik über. In der Roten Fahne wurde Zörgiebel als »Mörder« und »Arbeiterschlächter« attackiert, »damit der Polizeipräsident Zörgiebel veranlaßt würde, Strafanzeige wegen Beleidigung zu stellen und so die Voraussetzung für ein Gerichtsverfahren zu schaffen, in dem die Frage der Verantwortlichkeit der behördlichen Stellen für die Opfer des 1. Mai in öffentlicher Verhandlung erörtert werden könnte«.5

Da auch dies scheiterte, griff Litten zu einer List. Als der inzwischen als Polizeichef abgelöste Zörgiebel im November 1930 als Zeuge an einem Verfahren gegen Mai-Demonstranten teilnahm, verpaßte ihm der Jungkommunist Hermann Heidrich eine Ohrfeige und erklärte: »Es ist mein gutes Recht, einen Menschen, der 33 Arbeiter umbringen ließ, durch eine Ohrfeige zu züchtigen.« Zweck dieser Aktion war die Einleitung eines neuen Prozesses, diesmal wegen Körperverletzung. Im November 1931 fand schließlich eine Berufungsverhandlung vor dem Reichsgericht statt. Dem Beweisantrag Hans Littens, Zörgiebels Schuld zu klären, ging das Gericht diesmal mit der sensationellen Begründung nicht nach, man unterstelle die Behauptungen von vorneherein als »wahr«. In der Urteilsverkündung hieß es: »Am 1. Mai 1929 und den folgenden Tagen sind an Stellen der Stadt Berlin von Polizeibeamten zahlreiche Exzesse begangen worden. Dies beweist, daß es in der Berliner Schutzpolizei zahlreiche Elemente gab, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren und nicht in die Schutzpolizei hineingehören. Einen Teil der Schuld trägt auch der Umstand, daß zahlreiche Beamte ausgesprochen kommunistenfeindlich eingestellt waren.«6

SPD ist »sozialfaschistisch«

Bereits der VI. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale im Sommer 1928 hatte die auch für die KPD verbindliche Generallinie beschlossen, wonach eine »Dritte Periode (…) der stärksten Entwicklung der Widersprüche der Weltwirtschaft (…) der allgemeinen Krise des Kapitalismus (…) eine neue Phase von Kriegen zwischen den imperialistischen Staaten, von Kriegen gegen die Sowjetunion, nationalen Befreiungskriegen gegen den Imperialismus, Interventionen des Imperialismus, gigantischen Klassenkämpfen« bevorstände.

Als Haupthindernis für eine Revolution wurde die Sozialdemokratie identifiziert, die sich »als stärkste Stütze der bürgerlichen Klassenherrschaft in den Massen« zu einer »sozialfaschistischen Partei« gewandelt habe. Für die Politik der Kommunisten in den kapitalistischen Ländern bedeutete die radikale Wende, daß nicht mehr die Einheitsfront mit Reformisten in der praktischen Aktion gefordert wurde, sondern der verschärfte Kampf gegen die »Sozialfaschisten«. Hintergrund dieser scharfen Linkswende waren die auf die Mitgliedsparteien der Komintern übertragenen Auseinandersetzungen innerhalb der UdSSR, wo die Stalin-Bürokratie jetzt gegen den rechten Parteiflügel um Nikolai Bucharin kämpfte, nachdem die noch unter Lenin begonnene Neue Ökonomische Politik mit Marktelementen zugunsten einer schnellen Industrialisierung und Zwangskollektivierung der Bauern beendet worden war.

Während die KPD-Führung um den Parteivorsitzenden Ernst Thälmann diese neue Orientierung aus Moskau bereitwillig mittrug, stieß diese Politik bei größeren Teilen der Parteibasis noch auf Unverständnis. Erst die Erfahrung mit der SPD-Politik im Blutmai 1929 wirkte als regelrechter Katalysator zur Durchsetzung der Sozialfaschismusthese bei der KPD-Basis und in ihrem Umfeld.

Der Blutmai und seine Folgen standen im Mittelpunkt der Beratungen des 12. Parteitages vom 9. bis 16. Juni 1929, den die KPD demonstrativ im Wedding abhielt. In der Parteitagsresolution, die den linksradikalen Kurs absegnete, hieß es: »Die Eigenart der gegenwärtigen Entwicklung in Deutschland besteht darin, daß die Bourgeoisie ohne Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie in der gegenwärtigen Zeit ihren imperialistisch-faschistischen Kurs nicht durchführen kann. Die Sozialdemokratie bereitet als aktive organisierende Kraft die Errichtung der faschistischen Diktatur vor.« Zugleich sah die KPD in den Berliner Mai-Kämpfen »einen Wendepunkt der politischen Entwicklung in Deutschland« und das Signal für einen »stärkeren Aufstieg der revolutionären Welle, das Heranreifen der zweiten proletarischen Revolution in Deutschland. Es entstehen die Voraussetzungen für das Herannahen einer unmittelbar revolutionären Situation, mit deren Entwicklung die Frage des bewaffneten Aufstandes unmittelbar auf die Tagesordnung treten wird«. Im Namen des Kampfes gegen den »Sozialfaschismus« erfolgte die weitere Spaltung proletarischer Verbände – von den Gewerkschaften bis zu Sport- und Kulturorganisationen, in denen sozialdemokratische Bürokraten sowieso schon mit Ausschlüssen gegen Kommunisten vorgingen. Die KPD isolierte sich damit weiter von der noch reformistisch beeinflußten Mehrheit der organisierten Arbeiter.

»Nach dem Mai 1929 wurde der Name Zörgiebel so berüchtigt, wie es der Name Noske in der ersten Zeit nach dem Krieg gewesen ist«, erinnert sich die Sozialistin Evelyn Anderson (Lore Seligman).7 Zeitweise bezeichnete die KPD auch einfache SPD-Mitglieder als »kleine Zörgiebels«. Diese undifferenzierten Angriffe führten nicht zum erhofften Bruch der linken SPD- und Gewerkschaftsbasis mit ihren rechten Führern, sondern schweißten diese vielmehr trotz ihrer Kritik an der opportunistischen SPD-Politik enger mit ihrer Führung zusammen. »Die beiden großen Sektionen der deutschen Arbeiterschaft aber trieben weiter auseinander, bis der gegenseitige Haß so tief und intensiv geworden war, daß er beide Teile gleichermaßen unfähig machte, sich der tödlichen Gefahr der aufsteigenden nationalsozialistischen Bewegung entgegenzustellen«, wies Anderson in ihrer zuerst 1945 für britische Leser erschienenen Studie »Hammer oder Amboß« auf eine wesentliche Ursache des Scheiterns einer Einheitsfront gegen den Faschismus hin.

1 Zitiert nach Léon Schirmann, Blutmai Berlin 1929. Dichtungen und Wahrheit, Berlin 1991, S. 65

2 Siehe ebenda, S. 195 f., und Thomas Kurz, Blutmai – Sozialdemokraten und Kommunisten im Brennpunkt der Berliner Ereignisse von 1929, Bonn 1988, S. 281

3 Zitiert nach: Thomas Kurz, Blutmai, a.a.O., S. 60

4 Die Ergebnisse der Mai-Untersuchung, Die Menschenrechte Nr. 9/10, 1. Oktober 1929, S. 18

5 Schirmann, Blutmai, a.a.O., S. 237f.

6 Carlheinz von Brück, Ein Mann, der Hitler in die Enge trieb, Berlin 1975, S. 60

7 Evelyn Anderson, Hammer oder Amboß – Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Nürnberg 1948, S. 188

Leicht gekürzt in: Junge Welt 30.04.2009

 

Die eigene Geschichte nutzbar machen.

„Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen, vorwärts und nie vergessen: die Solidarität!"
(Refrain aus dem Solidaritätslied von Brecht/Eisler 1931)

Die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung und der sozialen Bewegungen ist zugleich die Geschichte der Solidarität gegen Unterdrückung, Verfolgung und Repression. Um diese andere Seite des Kampfes um Emanzipation nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wurde am 18. Februar 2005 in Göttingen das Hans-Litten-Archiv gegründet. Ziel des Vereins ist die Errichtung und Förderung eines Archivs der Solidaritätsorganisationen der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung und der sozialen Bewegungen.

 

 

Wir gratulieren der Roten Hilfe zu ihrem 100. Geburtstag! Denn der 12. April 1921 gilt als die offizielle Geburtsstunde der Solidaritätsorganisation für linke politische Gefangene und Verfolgte und deren Angehörige. An diesem Tag erschien in der Tageszeitung „Rote Fahne“ der Aufruf „Hilfe für die Märzopfer“. Darin rief die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands unter ihrem Sekretär Wilhelm Pieck zur Bildung von Rote-Hilfe-Komitees auf.

In Folge des von Polizei und Reichswehr blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstandes im mitteldeutschen Industrierevier im März 1921 hatte eine Massenverfolgung linker Arbeiter eingesetzt. Zahlreiche Familien litten Not, da revolutionäre Arbeiter inhaftiert wurden oder untertauchen mussten. Die Komitees der Roten Hilfe sammelten Spenden für die notleidenden Familien. Sie organisierten mit ihren Anwälten Rechtsschutz für die Angeklagten - und sie verhalfen einigen Verfolgten mit falschen Papieren zur Flucht.

1924 ging aus diesen Komitees die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) hervor, die trotz ihrer KPD-dominierten Führung bis Anfang der 1930er Jahre zu einer überparteilichen Massenorganisation mit hunderttausenden mehrheitlich parteilosen Mitgliedern anwuchs, an deren Seite zahlreiche bekannte Persönlichkeiten wie der Physiker Albert Einstein, die Schriftsteller Kurt Tucholsky, Heinrich und Thomas Mann und die Künstlerin Käthe Kollwitz sowie engagierte Juristen und Juristinnen wie Felix Halle, Hilde Benjamin und Hans Litten standen. Die RHD gehörte der Internationalen Roten Hilfe an. Dieser weltweite Verbund von Solidaritätsorganisationen mit Millionen Mitgliedern, dem die Frauenrechtsaktivistin Clara Zetkin vorstand, unterstützte politisch verfolgte und inhaftierte sowie von der Hinrichtung bedrohte kommunistische, sozialistische, sozialdemokratische, anarchistische und antikolonialistische Aktivistinnen und Aktivisten ebenso wie Opfer rassistischer Justiz. Die Rote Hilfe engagierte sich für eine demokratische Reform des Justizsystems und Strafgesetzbuches, gegen den Abtreibungsverbotsparagraphen 218 sowie gegen die Todesstrafe und sie trat für ein Recht auf Asyl ein. Unter dem Faschismus leisteten Rote Helfer und vor allem Rote Helferinnen vielfältigen Widerstand, was einige von ihnen mit ihrem Leben bezahlen musste.

Im Gefolge der 68er-Bewegung und der außerparlamentarischen Opposition wurde in Westdeutschland der Rote-Hilfe-Gedanke wieder aufgegriffen und neue Solidaritätsorganisationen unter diesem Namen wurden gegründet. Hier liegen auch die Wurzeln der noch heute in der Bundesrepublik bestehenden parteiunabhängigen und strömungsübergreifenden linken Schutz- und Solidaritätsorganisation Rote Hilfe e.V. mit deutlich über 12.000 Mitgliedern.

Wenn heute in der Bundesrepublik Antifaschistinnen wie Schwerkriminelle gejagt werden, wenn ziviler Ungehorsam bei Klimaprotesten kriminalisiert wird, wenn kurdische und türkische Linke als vermeintliche Terroristen zu langen Haftstrafen verurteilt werden, wenn Grundrechte eingeschränkt und zugleich Polizei und Verfassungsschutz aufgerüstet werden, dann heißt es heute wie schon vor 100 Jahren: „Darum schafft Rote Hilfe!“

Das seit 2005 bestehende Hans-Litten-Archiv e.V. in Göttingen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Dokumente zur Geschichte der Solidaritätsorganisationen der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung sowie der sozialen Bewegungen zu dokumentieren und wissenschaftlich zu erforschen. Einen besonderen Sammlungsschwerpunkt bilden dabei die verschiedenen Rote-Hilfe-Vereinigungen der letzten 100 Jahre. Auf unserer Website www.hans-litten-archiv.de stellen wir einen wachsenden Teil unserer Sammlung der Öffentlichkeit vor.

Wir möchten zudem auf die von unserem Vorstandsmitglied Silke Makowski verfasste Broschüre „Darum schafft Rote Hilfe! Die Rote-Hilfe-Komitees ab 1921“ hinweisen, die jetzt von der Roten Hilfe e.V. in Kooperation mit dem Hans-Litten-Archiv e.V. veröffentlicht wurde. Die Broschüre kann auf der Website des Hans-Litten-Archivs heruntergeladen werden.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Nikolaus Brauns

Vorsitzender des Hans-Litten-Archivs e.V.

 

Link zur Broschüre:

100 Jahre Rote-Hilfe-Komitees

Link zum Radiobeitrag über die Anfänge der Roten Hilfe:

RDL-Beitrag

Link zum ND-Artikel vom 19.4.2021:

100 Jahre Rote Hilfe im ND

Link zu einem Podcast:

Veranstaltung zu 100 Jahre Rote Hilfe

 

 

Aktuelle Öffentlichkeitsarbeit des Hans-Litten-Archivs:

Blogbeitrag, Radiointerview und Online-Vortrag

Ende März 2021 erschien auf dem neuen Archivblog des Hamburger Instituts für Sozialforschung ein Beitrag zum Neuankauf wertvoller Archivalien im vergangenen Sommer und zur Digitalisierung der Bestände aus den 1920er und 1930er Jahren, die inzwischen zu großen Teilen hier einsehbar sind.

Der Blogbeitrag findet sich unter https://sozwissarchiv.de/hans-litten-archiv/

Ebenfalls Ende März führte das Freie Radio bermudafunk ein Interview mit unserem Vorstandsmitglied Silke Makowski zum Thema „Frauen in der Roten Hilfe Deutschlands“, das sich mit den Solidaritätsaktivistinnen der Weimarer Republik und der NS-Zeit befasst.

Der Radiobeitrag ist abrufbar unter https://www.freie-radios.net/108116

Zum selben Thema findet am 19. April 2021 um 19.30 Uhr eine Online-Veranstaltung statt, die von der Roten Hilfe Heidelberg/Mannheim, dem Feministischen Bündnis Heidelberg und der Antifaschistischen Initiative Heidelberg in Kooperation mit dem Hans-Litten-Archiv organisiert wird. Unter dem Titel „‚Arbeiterinnen, kämpft mit in der Roten Hilfe!‘ - Frauen in der Roten Hilfe Deutschlands“ referiert Silke Makowski zum Engagement der Roten Helferinnen in der Weimarer Republik und im Widerstand ab 1933.

Der Link zum Online-Vortrag ist https://rote-hilfe.collocall.de/b/dem-gjj-l6q-egi

 

Von Michael Dandl

„Wer für Hans Litten eintritt, fliegt ins Lager; selbst wenn Sie es sind!“

Mit diesen Worten soll Hitler den „Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen“, Friedrich Wilhelm Victor August Ernst, angebrüllt haben, als dieser sich direkt beim „Führer“ für den in der Weimarer Republik zu Berühmtheit gelangten, allseits geschätzten und als überaus kompetent respektierten Rechtsanwalt der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) einzusetzen wagte.

„Es wird niemand irgendetwas für Litten erreichen!“

Mit diesen Worten soll Hitler - blaurot im Gesicht anlaufend - den „furchtbarsten Juristen“, den gnadenlosesten „Hin-Richter“, den „Massenmörder in roter Robe“, Roland Freisler, angebrüllt haben, als dieser den Inhalt eines Gesprächs mit dem „Führer“ auf den am 28. Februar 1933 Inhaftierten zu lenken wagte.

Diese beiden Verbal-Eruptionen Hitlers bringen leitmotivisch den nationalsozialistischen Standpunkt zum Ausdruck, an dem sich der massive, bald international ausgefochtene Kampf für die Freilassung Littens zu orientieren hatte.

Auch Littens Mutter, Irmgard Litten, hatte sich daran zu orientieren. Über einen mit unmenschlichen Qualen und Zermürbungen überfluteten Zeitraum von fünf Jahren trat sie unglaublich energisch, unglaublich mutig für ihren urplötzlich in Haft genommenen Sohn ein, ohne selbst „ins Lager zu fliegen“. Über fünf Jahre hinweg konnte sie immer wieder sehr viel für ihren weggesperrten Hans „erreichen“.

Und doch: Am 4. Februar 1938 - wohl kurz vor Mitternacht - haben ihn dann Faschisten im Konzentrationslager Dachau ermordet: Irmgard Litten, die am 6. Februar 1938 nach Dachau gekommen war, um dort im berüchtigten „Mörderlager“ (Hans Beimler) als erste und letzte Familienangehörige ihren leblosen, ihren toten Sohn zu sehen, war vor Ort unmittelbar bewusst geworden, dass einer der Nazis, der sie und ihre mitangereiste Ärztin zur so genannten Leichenhalle des KZ begleitete, einer der Mörder Hans Littens war. Sie beschreibt diesen SS-ler, der ihn offiziell „nach seinem Tode als erster gesehen hätte“, als „abschreckend verbrecherisch“ aussehend, als „typischen Mörder“, als „Henkersknecht“. Auch wenn sich irgendwann die „Selbstmord“-Version durchsetzen sollte, steht auf der an Littens Geburtshaus in der Burgstraße 43 in Halle an der Saale angebrachten Gedenktafel deshalb zu Recht: „Er wurde in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet und am 4. Februar 1938 im Konzentrationslager Dachau ermordet.“

Litten, zu diesem Zeitpunkt „ein zum Invaliden geprügelter halbblinder und halbtauber Mann, der nur noch auf Krücken gehen konnte und unter Ohnmachtsanfällen und Herzkrämpfen litt“ (Stefanie Schüler-Springorum), war ja explizit deswegen nach Dachau verbracht worden, weil die Faschisten ihn endgültig „loshaben“ wollten; das dortige KZ-Personal, das die etwa 20 Kilometer vom Zentrum Münchens entfernte ehemalige Munitionsfabrik gar in eine „Mörderschule“ zu verwandeln hatte, hatte den Ruf, schon sehr viele Insass*innen einfach totgeschlagen oder durch bestialische Folterungen in den so genannten Suizid getrieben zu haben. Und das im Übrigen von Anfang an: Im Lager, das als erstes und einziges über die ganzen langen zwölf Jahre der Nazi-Diktatur hinweg Bestand hatte, waren bereits bis August 1933 bis zu 50 „Todesfälle“ zu beklagen. Der bayerische Kommunist, Reichstagsabgeordnete und antifaschistische Spanien-Kämpfer Hans Beimler, der nach „vier Wochen in den Händen der braunen Banditen“ aus diesem sehr frühen Konzentrationslager fliehen und schließlich in Sicherheit gebracht werden konnte, fügte seinen bereits am 19. August 1933 veröffentlichten Erinnerungen an diese grausame Tortur einen Anhang an, in dem er einige der dortigen „Todesfälle“ auflistet; bereits am 4. Januar 1934 (!) war in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ ein darauf Bezug nehmender Artikel erschienen: „50 Ermordete in Dachau“. Der erschütterndste Augenblick im Leben Hans Beimlers war, als ihn am 7. Mai 1933 der von der SS eingesetzte, Furcht und Schrecken verbreitende KZ-Aufseher brutal aus seiner Zelle riss und ihn in die Zelle 4 warf: „Vor meinen Füßen auf dem Steinboden lag die zerschundene, mit dicken Beulen bedeckte Leiche meines langjährigen Kampfgenossen Fritz Dressel.“ Sollten die Schergen des „Tausendjährigen Reiches“ bei Festnahmen also inbrünstig den Schlachtruf „In Dachau sehen wir uns wieder!“ herausbrüllen, so war dies unmissverständlich als Todesdrohung zu verstehen …

Was in den fünf Jahren vor der Ermordung ihres Sohnes mit ihm „gemacht“ wurde, fasste Irmgard Litten in ihrem chronologischen Bericht „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ in eindringlichen Ausführungen zusammen. Dieser Titel des Buches, das 1940 und 1941 – also noch während des Zweiten Weltkrieges – in Frankreich, England, China, Mexiko und den USA erschienen war, rekurriert auf eine im englischsprachigen Raum üblich gewordene Charakterisierung Hans Littens: „The Man Who Crossed Hitler“; er stellt eine „Verlängerung“ dar: Der mit immenser Vehemenz gegen den Faschismus agierende Rechtsanwalt und Strafverteidiger hatte im viel beachteten „Edenpalast-Prozess“ am 8. Mai 1931 (!) Adolf Hitler in den Zeugenstand rufen lassen und dann vor Gericht den tatsächlich persönlich erscheinenden Anführer der von seinen Anhänger*innen herbeigesehnten „Nationalen Revolution“ „in die Enge getrieben“. Litten kämpfte dabei erfolgreich gegen Hitler, indem er überzeugend dessen zuvor geleisteten „Legalitätseid“ für alle registrierbar zerschmetterte, mit dem sich der „Führer der NSDAP“ als „verfassungskonform“ und dem systematischen beziehungsweise taktisch planmäßigen Staatsterror abgeneigt zu inszenieren versucht hatte. Und nun, da er nach der Machtübertragung an die rachsüchtigen Nazis (30. Januar 1933) sofort in deren drastische, abgeschottete Folterhaft gekommen war, musste dieser Littensche Kampf gegen Hitler, gegen die nun herrschende Barbarei von drinnen nach draußen „verlängert“ werden. Zu und von Irmgard Litten.

Ich habe ihren Bericht „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ („Una madre contra Hitler“) in einem Rutsch durchgelesen. Wobei, „in einem Rutsch“ entspricht nicht ganz der Realität – es gibt viele Passagen im Buch, durch die unmöglich „hindurchgerutscht“ werden kann; jene sind von einer solchen folter-, gewalt- und menschenverachtungsdeskribierenden Wucht, dass mensch das rezipierte Buch dann von sich weg legen muss, um in Grauen, Trauer, Wut und unerträglicher Ohnmacht inne zu halten. Ja, sozialgeschichtliches Erinnern (an Widerstand und seine Schlüsselfiguren und seine Ausdrucksformen) sollte immer Kämpfen bedeuten oder für zukünftige emanzipatorische Kämpfe nutzbar gemacht werden können, selbst wenn die Auseinandersetzung mit den ausgebreiteten Inhalten eines nachträglichen Rekapitulierens eine*n zunächst hoffnungslos zurücklassen mag. Aber die hier in aller Deutlichkeit beschriebenen Folterungen und Hinrichtungen müssen im Angesicht des faschistischen Terrors ohnmächtig machen, weil sie unerträglich sind. Und weil wir sie nachträglich auch nicht mehr ungeschehen machen können - hilflos, wie wir sind; nicht glauben könnend, dass Menschen „zu so etwas“ fähig sind. Deshalb müssen wir an solchen Stellen inne halten.

Wenn mensch dann das ganze Buch gelesen hat, bleiben mehrere wesentliche Erkenntnisse hängen, die es eindringlichst dargestellt hat:

Irmgards Bericht stellt zunächst klar, welche Bedeutung die Inszenierung des Reichstagsbrandes für die Nazis hatte. Fast eine Woche vor der so genannten Reichstagswahl am 5. März 1933 nutzte die NSDAP dieses von ihr symbolträchtig zum kommunistischen, klassenkämpferischen „Fanal zum blutigen Aufruhr und zum Bürgerkrieg“ umgewidmete Ereignis, um unter massivstem Einsatz nunmehr verfügbarer staatlicher Machtmittel brutalste, bestialische Gewalt gegen Mitglieder linker Parteien, Organisationen, Arbeiter*innenvereine, gegen Intellektuelle und sonstige „Elemente“ anwenden zu können. Auf der Grundlage der sofort erlassenen „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“, die die Grundrechte der Weimarer Verfassung de facto außer Kraft setzte und der auf Eliminationsideologie gebauten NS-Diktatur den Weg in ihre spezifische „Legalität“, in ihre eigene „Verfassungsmäßigkeit“ ebnete, wurde auch Hans Litten in so genannte Schutzhaft genommen - und zwar am ganz frühen Tage nach dem Reichstagsbrand, am 28. Februar 1933 („um vier Uhr morgens holte man ihn aus dem Bett“).

Das war ein wichtiger, entsprechend vorstrukturierter Teil des selbst gesetzten, reichsregierungsperpetuierten „Auftrags“: Die Faschisten („an der Macht“) räumen so schnell wie nur möglich auf mit allen von ihnen als solche markierten Feind*innen des „Deutschen Volkes“ und des republiktransformierenden NS-Staats. Und Hans Litten, den sie dann ganz schnell „abholten“, war für die Nazis nicht nur ein „jüdisch-bolschewistischer Volks-Schädling“, einer der „geistigen Führer des Kommunismus in Deutschland“ und ein reichsweit bekannter „Rot-Mord-Verteidiger“, sondern auch ein äußerst selbstbewusster, für die Herrschenden insgesamt unangenehmer Anwalt, der sich direkt mit Hitler, dem nationalsozialistischen Heilsbringer, der „Erscheinung“, die die „Deutschen“ wie ein homogenisierender Erlöser aus ihrer vermeintlich desolaten Situation zu befreien im Stande sei, angelegt und ihm dabei eine sehr hohe politische Niederlage zugefügt hatte: Spätestens nach dem „Edenpalast-Prozess“ wusste die ganze Welt, dass das „Dritte Reich“, das da kommen würde, kein an „Verfassungskonformität“ oder gar „Rechtsstaatlichkeit“ gebundenes politisches System werden würde, sondern ein offen terroristisches, ein planmäßig eliminatorisch operierendes. Und dafür war Hans Litten verantwortlich. Dafür musste er büßen, dafür musste er - so oder so - mit seinem Leben bezahlen.

In Irmgards Bericht wird auch deutlich, dass Littens Mutter, die den „Nazis [jede noch so] ungeheure Barbarei zutraute“, von Anfang an wusste, dass es durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen zu verorten war, dass ihr ältester Sohn die auf mehrere Jahre angelegte Einkerkerung nicht überleben würde. Sie hatte ihn bereits vor der Machtübertragung an die Nazis immer wieder eindringlich angefleht, doch „wenigstens für eine Weile ins Ausland zu gehen. Ein Haus und Geld waren ihm dort zur Verfügung gestellt“. Aber, er lehnte konsequent mit folgendem Diktum ab: „Die Millionen Arbeiter können nicht heraus, also muss ich auch hier bleiben.“ (Ihm war also bewusst, dass sie ihn - zuerst den „Krieg im Inneren“ vollführend und dann den „Krieg nach außen“ in die ganze Welt tragend - „abholen“ würden, obwohl er allen anderen Klassengenoss*innen, Kampfgefährt*innen gegenüber das Privileg hatte, rechtzeitig zu gehen. Und, daraus schlussfolgernd, er war, ist und will sein Teil des revolutionären Klassenkampfes, dem die historische Aufgabe zukommt, den Deutschen Faschismus an der Macht im Lande des politischen Hauptfeindes zu verhindern.)

Und doch ist es dann nochmals ein großer Sprung zum tiefgreifenden Real-Werden des eigentlich Unvorstellbaren. Denn das, was die von der verdichteten Form bürgerlicher Herrschaft „eingesetzten“ Faschisten dann „an den Tag legten“, war an Grausamkeit, Menschenverachtung, Brutalität, fataler Männlichkeit, Bestialität, Mordlüsternheit, Gewaltförmigkeit, Terror nicht nur nicht zu überbieten; es stand ganz einfach außerhalb der Vorstellungskraft derjenigen, die davon betroffen waren oder getroffen werden sollten. Auch wenn sich die NSDAP seit ihrer Gründung Anfang 1920 im mit allen Mitteln zu führenden Krieg an unzähligen Fronten wähnte; auch wenn sie in den 13 Jahren vor dem 30. Januar 1933 diesen Krieg, diesen mörderischen Terror paramilitärisch auf die Straßen getragen und dabei viele politische Gegner*innen für immer aus dem Weg geräumt hatte – dass sie die Infrastruktur, die Logistik, das Institutionengefüge, die Behördenapparatur, die höchste Aggregationsstufe des öffentlichen Haushalts der Weimarer Republik so rasant, so kompromisslos, so konsequent für eine solche Potenzierung der Unterdrückungsmaßnahmen ins Unermessliche instrumentalisieren würde, das konnte nicht vorausgesagt werden.

Dies hätte aber - auch oder vor allem auf der analytischen Basis komparativer Durchleuchtungen bereits existierender faschistischer oder weiß-terroristischer Regime in Europa - proaktiv verhindert werden können, wenn auf Menschen wie Litten, der die nationalsozialistische Ideologie messerscharf sezierte und energisch vor deren In-Staat-Setzung warnte, gehört worden wäre: Wenn die nazistische, führerprinzipientreue, kombattantäre Massenbewegung mit all ihren eklatanten Ausformungen rechtzeitig und nachhaltig zerschlagen worden wäre (auch oder gerade mit staatlichen Mitteln), anstatt auf höchsten republikrepräsentativen Ebenen immer weitreichendere Bündnisse, Allianzen, Koalitionen mit ihr einzugehen (wie zum Beispiel in Thüringen, das nach den Landtagswahlen vom 8. Dezember 1929 laut Manfred Weißbecker zum „regionalen Experimentierfeld faschistischer Machtausübung“ wurde; die „bürgerlichen“ Landesregierungsparteien DNVP, DVP, „Thüringer Landbund“ und „Reichspartei des deutschen Mittelstandes“ hatten u.a. Wilhelm Frick, der maßgeblich am Aufbau und an der Etablierung des NS-Staats beteiligt war, zum „Staatsminister für Inneres und Volksbildung“ ernannt).

So „begann ab Februar 1933 die Verfolgung der politischen Gegner*innen der Nationalsozialist*innen. (…) Zulässig waren nun präventive Verhaftungen ohne Rechtsbeistand und Gerichtsurteil. (…) Einer Massenverhaftungswelle gegen Kommunist*innen folgte eine weitere gegen Sozialdemokrat*innen und Gewerkschafter*innen, die nicht nur eingesperrt, sondern massiv misshandelt wurden; mehrere Hundert von ihnen wurden ermordet. (…) [E]ine weitere Verhaftungswelle gegen die Anhänger*innen bürgerlicher Parteien [folgte]. Immer wieder wurden aber auch Jüdinnen*Juden oder Personen, die nicht in Opposition zum Nationalsozialismus standen, aber persönliche Auseinandersetzungen mit NSDAP-Funktionär*innen gehabt hatten, verhaftet.“ (Dana Schlegelmilch in: Lotta Nr. 81, Seite 46: „Moor und Heide, Verfolgung, Leid und Tod“)

Irmgard legt dar, mit welcher Strategie sie den Kampf für die Freiheit ihres Sohnes, der zu den prominentesten politischen Gefangenen des Reichs gehörte, verfolgt hat. Die zwei am klarsten zu konturierenden Stoßrichtungen ihres unerbittlichen Einsatzes sind:

a) als Mutter des Gefangengenommenen innerhalb des staatlichen Machtapparats und der Stufung der offiziellen Entscheidungsträger*innenschaft auf eine relevante Regulationsebene zu kommen, von der aus die Freilassung ihres Sohnes angeordnet werden kann (und dann auch konkretisiert wird) und

b) als Mutter des Gefangengenommenen all die von ihr im Zusammenhang mit der konkreten Festnahmesituation ihres Sohnes beschafften Informationen „aus erster Hand“ unverfälscht an Stellen außerhalb des Dritten Reiches weiterzugeben oder weitergeben zu lassen, um von dort aus internationalen beziehungsweise hochkarätigen diplomatischen Druck auf das deutsch-faschistische Terrorregime auszuüben, dem es sich irgendwann beugen muss.

Um erfolgreich in diese Richtungen stoßen zu können, musste sie den Nazis gegenüber, mit denen sie es fortan zu tun haben sollte, eine Rolle spielen; sie musste sich ihnen gegenüber „verstellen“, musste von ihnen falsch eingeordnet werden, musste von ihnen mit den falschen Attributen markiert werden. Immer wieder spricht Irmgard davon, wie „übertrieben korrekt“ sie den obligatorischen „Heil Hitler“-Gruß zu zelebrieren wusste; dabei gab es für sie eigentlich fast nichts Schlimmeres, als diesem zu einem „Gott“ oder „Caesaren“ gemachten „Verbrecher gegen die Menschheit“ in dieser von der lateinischen Grußformel „Ave“ abgeleiteten Façon individuell zu huldigen. (Bisweilen wurde sie gar für eine „fanatisch national“ eingestellte Person gehalten, die nur aufgrund ihrer „persönlichen Erfahrungen“ etwas „unerfahren“, also selbstgefährdend vorgehe.) Sie musste an von der Welt abgewandten, dunklen, dunkelsten Orten der Geiselnahme, der Erpressung, der Misshandlung, der Folter, der Exekution so tun, als sei sie eine „arische“ Mutter „aus besserem Hause“, der es „oberflächlich“ nur darum gehe, die physische, psychische und geistige Stabilität ihres Sohnes nicht irreparabel zerbrechen zu lassen (durch die jeweils herrschenden Bedingungen an diesen Orten). Dabei wusste sie, dass eine gewisse „Anpassung“ an die „Gepflogenheiten“, die stringenten Modalitäten des faschistischen Systems und seiner fanatisierten Repräsentanz vonnöten war, um überhaupt an einflussreiche Entscheidungsträger heranzukommen und diese dann von der offensichtlichen Sinnlosigkeit der Einkerkerung Littens zu überzeugen. Den langen, intensiven politischen Gesprächen mit ihrem sich selbst „links von der KPD“ verortenden, systemantagonistischen Sohn konnte Irmgard entnehmen, dass das „positive“, von staatlichen Gesetzgebungsorganen geschaffene Recht laut Marx ein in Zeiten verschärfter Klassengegensätze stärker vom Reaktionären fundamentierter „Überbau der sozialen Gegebenheiten“ sei, der in den extremsten Unterdrückungsregimes auch vollständig „abgebrochen“ oder „eingerissen“ werden konnte. Der NS-Staat, mit dem es Irmgard Litten nun zu tun hatte, war das in jeder Hinsicht extremste Unterdrückungsregime; in ihm verlor ein im Liberal-Bürgerlichen verhaftetes „Recht“, das idealtypisch möglichst alle, von allen Mitgliedern einer Gesellschaft einzuhaltenden Regeln zur „Konfliktverhütung und -lösung“ umfasst und dadurch ein friedliches Miteinander zumindest „auf dem Papier“ ermöglicht oder ermöglichen sollte, seine rekursive Gültigkeit. Das führte umgehend dazu, dass politische Gefangene „gemacht“ wurden, denen weder ein „Rechts“-Beistand akkomodiert noch eine (individuelle) Straftat zugeordnet noch ein (faires) Gerichtsurteil in Aussicht gestellt werden musste: In „Schutzhaft“ genommen sollte irgendein Geständnis aus ihnen herausgeprügelt, herausgefoltert werden, um dann noch reine Schauprozesse mit den Fast-Totgeschlagenen veranstalten zu können. Wo selbst dies nicht mehr funktionierte, also selbst für die niveau- und würdelose Aufführung eines Schauprozesses nichts Substanzielles oder individuell Vorwerfbares übriggeblieben war, wurden aus den sowieso lebensbedrohlichen Folterungen, die nach außen häufig mit „Verhören“ euphemisiert wurden, oftmals gerichtsurteilsferne, extrajustizielle Hinrichtungen.

Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die niederschmetternde Geschichte Erich Mühsams, der wie Litten in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet und dann am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet worden war - von der fanatischen SS-Wachmannschaft. So hätte es gleich in den ersten Monaten auch Litten ergehen können (die Mörder Mühsams hatten sogar das Gerücht streuen lassen: „So, der Kerl [d.i. Mühsam] ist fertig. Jetzt kommt das Schwein, der Litten, dran!“); und Irmgard verfolgte selbstverständlich auch immer die ebenfalls katastrophalen Hafterfahrungen anderer politischer Gefangener. (Zenzl Mühsam hatte einmal berichtet, dass bei einem „Transport von Schutzhäftlingen vom Bahnhof nach dem Lager Sonnenburg“ die dorthin Verschleppten „von den Wachmannschaften mit Gummiknüppeln und Fußtritten vorwärts getrieben“ und schließlich von der herbeistürmenden SA halb totgeschlagen worden seien; laut Zenzl wurden sie mit den „Nagelstiefeln so betrampelt, dass sie sich kaum weiterschleppen konnten. Caspar [d.i. Wilhelm Kasper (KPD)], Litten, Mühsam und Ossietzky wurden am schlimmsten misshandelt“.)

Jedenfalls begann sie nun, alles Erdenkliche zu unternehmen, um ihren Sohn wieder lebend aus den jeweiligen Nazi-Folterhöllen, in die er nun geraten war, herausholen zu können. (Folgende, chronologisch geordnete Stationen Littens konnten nachgewiesen werden: Nach seiner Festnahme zunächst kurz in einer SA-Kaserne, wurde er ins Gefängnis Spandau verbracht; von dort ging es ins KZ Sonnenburg; von dort aus wurde er wieder, aber sehr kurz nach Spandau zurückverlegt; kam dann mit sehr schweren Verletzungen ins Moabiter Krankenhaus, um von da aus ab Oktober 1933 im KZ Brandenburg an der Havel seine Haft verbringen zu müssen; Anfang Februar 1934 folgte das „Moorlager“ Esterwegen im Emsland, um schließlich ab dem 7. Juni 1934 vom KZ Lichtenburg „abgelöst“ zu werden; im September 1937 kam er noch kurz in das neu entstandene KZ Buchenwald; Endstation war dann Ende 1937/Anfang 1938 das KZ Dachau) Dabei bediente sie sich des gesellschaftlichen Beziehungsgeflechts, das sie und ihr Mann sich von Königsberg aus aufgebaut hatten - der habilitierte Jurist Fritz Litten, ein früh zum Protestantismus konvertierter Sohn des Vorstehers der Jüdischen Gemeinde, war hier sogar Rektor der Albertus-Universität geworden. Und da er politisch eher als stramm national-konservativ, in den Traditionen des Kaiserreichs verharrend, DVP-wählend eingestuft werden musste, reichten die Beziehungen der Littens bis weit ins rechte Lager der Weimarer Republik hinein. Das wollte sich Irmgard nun zu Nutze machen - als Mutter, die sich nie „für Politik“, sondern ausschließlich für Kunstgeschichte interessiert habe. Sie ging davon aus, dass mit den Hafterfahrungsschilderungen ihres Sohnes konfrontierte national gesinnte, erzkonservative, reaktionäre Politiker*innen, Kulturschaffende, Amtsträger*innen dort „ein gutes Wort“ für ihn einlegen würden, wo ein Beenden dieses Grauens substanziell in die Wege geleitet werden konnte. (Sie selbst nennt dies: „Mobilmachung all meiner Beziehungen“) An diesen Stellen fragt mensch sich dann immer wieder, woher sie die Hoffnung nahm, sich auf dieser Schiene ihres Erachtens erfolgversprechend nach vorne zu bewegen. Denn sie vergegenwärtigte ja, dass der „Allererste Mann im NS-Staat“, der über alles informiert zu werden hatte und die Konstanz oder Permanenz der vollständigen Kampfunfähigkeit „seiner“ politischen Gefangenen intensiv überwachte, nicht dazu zu bewegen war, jemanden wie Hans Litten wieder freizulassen, zu begnadigen. Schlimmer noch, womit wir wieder bei den verbalen Eruptionen Hitlers vom Anfang des Textes wären: Der „Führer“ wollte als gesichert wissen, dass „niemand irgendetwas erreichen“ könne für diesen „Anwalt des Proletariats“ - schon gar nicht dessen Begnadigung. (Den Gestapo-Personalakten Littens lag ein Bild bei, das „meinen Sohn als Verteidiger, Hitler als Zeugen vor Gericht einander gegenüberstehend zeigte“.) Irmgard spricht sogar von einer „Liste“, die es wohl gegeben haben mag im NS-Staat, auf der die Namen jener Gefangener standen, die unter keinen Umständen wieder freikommen durften; das waren die zum Lebendig-Begrabensein Verdammten, mit denen „nichts ohne Genehmigung des Führers unternommen werden“ durfte. Hans Achim Litten gehörte zu ihnen.

Und trotzdem erhoffte sich Irmgard Vieles von ihrem Kampf für diesen einen, ihr am Allernächsten stehenden politischen Gefangenen, der für sie ein „Weltwunder an Gelehrsamkeit“ darstellte. So wie ihr geht es heute noch vielen Menschen auf der ganzen Welt, die sich mit politischen, ins Visier von Repressionsbehörden geratenen Gefangenen solidarisieren und sich unablässig, hartnäckig für sie einsetzen - obwohl sie, umgeben von unmenschlichen, lebensvernichtenden, ungerechten, versklavenden Verhältnissen, zu registrieren haben, dass das herrschende System um sie herum das kalkulierte Verreckenlassen von in die Knäste Gesteckten staatlich sanktioniert, innerhalb des Apparats also keine „Besserung“ erwirkt werden kann. Ich denke, Irmgard hatte ein durchaus ambiges Verhältnis zu ihren eigenen Ambitionen hinsichtlich des auch für sie bedrohlicher und bedrohlicher werdenden Kampfes für und um Hans. Sie war ja über die Jahre hinweg mit ihrer „Sache“ an die höchsten Repräsentanten des Dritten Reiches herangekommen - selbst an den Reichsjustizminister Gürtner, selbst an den Präsidenten des Volksgerichtshofes Freisler, selbst an Himmler, selbst an Göring, dessen Ehefrau Emmy sie noch aus deren Zeit als Theaterschauspielerin kannte -, aber erreicht hatte sie damit gar nichts, nie etwas. (Im Gegenteil: Göring beispielsweise soll Emmy gegenüber abschließend zum Ausdruck gebracht haben: „Wenn du mir dauernd mit Litten in den Ohren liegst, werde ich überhaupt nicht mehr mit dir zusammen sein!“) Auch alle ihre Gnadengesuche wurden mit der immergleichen Begründung abgelehnt: „Ihr Sohn [ist] ein bedeutender Kopf und daher ein gefährlicher Gegner. Er würde gegen uns arbeiten, wenn er freigelassen würde.“ (Der Adjutant Himmlers hat ihr sogar folgende Worte an den Kopf geworfen: „In diesem Falle ist selbst der gute Papa Hindenburg machtlos.“)

Erfolgreicher war sie dann - über Umwege - schon eher mit dem koordinierten Erzeugen diplomatischen Drucks auf allerhöchstem Niveau - sie nennt es: „Entrüstung des Auslands“. Und weiter: „Darüber, dass [das Dritte Reich seine] Häftlinge [in den] Lager[n] langsam zu Tode marter[t], empört sich die ganze zivilisierte Welt.“ (Hier wird im Übrigen der Antagonismus zwischen faschistischer Barbarei und Zivilisation sehr eindringlich zur Geltung gebracht; der Deutsche Faschismus stelle den bewussten, irreversiblen Bruch mit der Zivilisation dar, die nur noch außerhalb seines Zugriffsbereichs gefunden werden könne.) Über diverse Kontaktstellen und -personen in Prag, in den Niederlanden und in der Schweiz, die immer wieder von ihr, ihrem Sohn Heinz oder Margot Fürst (auch auf illegalisiertem, gefährlichem Wege) aufgesucht und mit den jeweils neuesten Informationen „gefüttert“ worden waren, konnte Aufmerksamkeit evoziert werden, die schließlich auch in großen englischen Zeitungen ihren äußerst öffentlichkeitswirksamen Niederschlag fand. Von England aus wurde denn auch am 31. Oktober 1935 eine der spektakulärsten, wuchtigsten Aktionen für die umgehende Freilassung Hans Littens umgesetzt: Reginald Clifford Allen, 1st Baron Allen of Hurtwood, besser bekannt unter dem Namen Lord Allen (von der sozialistischen Independent Labour Party), machte an diesem Tag eine als Protestnote zu rubrizierende „Eingabe“ - direkt bei Hitler. In dieser von mehr als 100 angesehenen Jurist*innen Englands unterzeichneten „Eingabe“ wurde darum „gebeten“, das schwerverletzte, nachhaltig traumatisierte Folteropfer Hans Litten unverzüglich freizulassen; zum einen sei er entlang objektiver juristischer Maßstäbe, die sich rechtsstaatlich arithmetisiert an konkreten, überprüfbaren, zuzuordnenden Tatnachweisen auszurichten haben, „völlig unschuldig“; zum anderen sei es nicht hinnehmbar, dass ein namhafter Rechtsanwalt dazu gezwungen werden sollte, sein in der Weimarer Republik verbrieftes Berufsgeheimnis zu verraten. Dabei spielten die Verfasser*innen des Appells auf den skandalösen Umstand an, dass die „Rechtsnachfolger*innen“ der ersten parlamentarischen Demokratie in Deutschland ein Wiederaufnahmeverfahren des so genannten Felseneck-Prozesses in die Wege geleitet hatten, um sich endlich an Litten rächen zu können. Nach einem bewaffneten Überfall von etwa 150 Sturmbannmännern der Berliner SA auf die im Norden Berlins liegende Laubenkolonie „Felseneck“, bei dem in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 1932 ein „Kolonist“ erschossen worden und ein SAler (höchstwahrscheinlich durch „Friendly Fire“) ums Leben gekommen war („im Handgemenge getötet“), hatte Litten - im Rahmen seines aufwändigen Rund-um-die-Uhr-Engagements für die Rote Hilfe Deutschlands, die die Versäumnisse der Voruntersuchung und die gefälschten Beweise der Polizei und des Untersuchungsrichters lückenlos aufdecken lassen wollte -, 18 der insgesamt 19 angeklagten Bewohner des „Felsenecks“ vertreten, die durch ihren Einsatz ein schlimmes Massaker verhindert hatten (von den 150 SAlern waren lediglich fünf angeklagt worden). Ihnen wurde der angebliche Mord an dem Faschisten vorgeworfen. „Auf Littens Initiative wurde [sogar] eine Sonderzeitung zum Felseneck-Prozess mit dem Namen Attacke herausgegeben.“ (Nikolaus Brauns)

„Zwei Tage vor Weihnachten 1932 wurde das Verfahren (...) gegen alle Angeklagten eingestellt; nur zwei Arbeiter der Kolonie wurden wegen Diebstahls zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt (…). Es war Littens letzter Prozess. Seine Konzessionslosigkeit, aber auch seine Intelligenz und forensischen Fähigkeiten hatten ihn zum wohl gefürchtetsten und meist attackierten Anwalt gemacht.“ (Norman Paech) In Spandau wurde Litten so lange und so heftig gefoltert, dass er unter lebensbedrohlichem Zwang und unter erpresserischer Androhung weiterer „Verhöre“ schließlich „aussagte“, im „Felseneck“-Prozess wissentlich einen Mann verteidigt zu haben, der einen SAler erschossen habe. (Irmgard hierzu: „Am anderen Morgen [nach dem „Verhör“] war in sämtlichen Zeitungen ein Bericht unter einer besonders großen Überschrift: »Hans Litten gesteht Mitwisserschaft an einem Mord«.“) Um diese barbarische Zerschmetterung des sakrosankten rechtsanwaltlichen Berufsgeheimnisses nicht als legitim, als „ergebniserfolgreich“ dastehen zu lassen, schrieb der total verstörte, körperlich schwer zugerichtete Hans kurz darauf einen Bericht an die Gestapo, „dass er unter Zwang ausgesagt habe, dass nicht eine der Aussagen der Wahrheit entspräche, und dass er jede Aussage widerriefe“. Und weiter: „Da er die ihm angedrohten Folgen dieses Widerrufes fürchte, so nähme er sich das Leben.“ Das wäre ihm dann auch tatsächlich gelungen, wenn nicht ein Mithäftling, der zufällig Arzt war, ihn wieder ins Leben „zurückgeholt“ hätte - obwohl er schon fast vollständig ausgeblutet auf dem Boden seiner eigenen Zelle lag.

Der englische Appell jedenfalls muss im NS-Apparat solch hohe Wellen geschlagen haben, dass einer der späteren Hauptkriegsverbrecher, Ullrich Friedrich Willy Joachim von Ribbentrop, genötigt wurde, Lord Allen direkt und ausführlich zu antworten. Wir müssen Irmgard dankbar sein, dass sie dieses von Hitlers Reichskanzlei in Auftrag gegebene, am 16. Dezember 1935 verschickte Schreiben Ribbentrops komplett und unkommentiert abgedruckt hat, obwohl es ein abscheuerregendes Produkt selbstlegitimatorischer Ideologem-Aneinanderreihung darstellt, das den hohen, eigentlich unerreichbaren Verblendungsgrad anzeigt, unter dem im deutsch-faschistischen Staatsgebilde „Politik“ exekutiert wurde. Es bildet die Schlüsselstelle in Irmgards Berichts, wenn es darum geht, als Rezipient*in eine komprimierte Zusammenfassung an die Hand gegeben zu bekommen, die das nazistische Terrorsystem (und seinen kompromisslosen Umgang mit „seinen“ politischen Gefangenen) in eigenen Worten entlarvt. Worte freilich, die sich einzusaugen beinahe schon körperliche Qualen bedeuten. Andererseits sind sie - für Faschismen davor, währenddessen und danach - von solcher Allgemeingültigkeit, Universalität, Normativität, dass sie auch heute noch - in modifizierter, aktualisierter, kontextkalibrierter Form - benutzt werden können von jenen, die nach wie vor Staaten und Gesellschaften von Grund auf faschisieren wollen.

Nach dem Ribbentropschen Schreiben merkt Irmgard nur noch zwei Sachen an: Zum einen habe sie in „einer Eingabe an Ribbentrop (…) Satz für Satz seiner unsinnigen Behauptungen“ widerlegt; zum anderen war ihr spätestens jetzt klar, dass sie [die Faschisten] die Absicht hatten, „meinen Sohn lebenslänglich gefangenzuhalten“. Es gehört zu den faszinierenden Facetten des Berichts, dass Irmgard in kurzen Nebensätzen die „Entschlüsselung“ der nazistischen Gesinnung als gesetzt reklamiert, ohne dies dann noch ellenlang ausbreiten zu müssen: Hier fasst sie in ihrem abbrechenden Hinweis auf die „Satz-für-Satz-Widerlegung“ der „unsinnigen Behauptungen“ Ribbentrops zusammen, worauf der NS-Staat gebaut wurde: auf extrem wirkmächtig gewordenen, annihilationsexzessiv materialisierten Lügen, auf wissenschaftlich Widerlegbarem, auf monströsen Verschwörungsnarrativen, auf negativer Vergesellschaftung, auf völkischem Chauvinismus, auf weltunterjochendem Imperialismus, auf fataler Misogynie, auf ariosophisch-manichäischer Mythologisierung, auf dem „Un-Sinn“.

Ribbentrop gibt zunächst - an die „englischen Rechtsfreunde“ gerichtet - zum Besten, dass der Kommunist Hans Litten wegen „staatsfeindlicher Betätigung inhaftiert“ worden sei und „seine geistige Einstellung (…) eine Enthaftung unter diesen gegebenen Umständen nicht“ zulasse. Dann amalgamiert er in erschütternd transparenter Manier nazistisches Regierungs- und Rechtssystem: Selbstzweckfunktion dieses „aufeinandergefallenen“ oder „ineinandergefallenen“ Gleichschaltungs-Systems sei die möglichst rabiate, möglichst brachiale Verhinderung des von Kommunist*innen bewirkten Sturzes des ganzen deutschen Volkes ins Unglück, „an den Rand des Abgrundes“. Litten wird zu einem „unverbesserlichen Träger und geistigen Führer“ eines solchen „Volksvernichtungswillens“ gemacht, zu einem evidenten „Schädling der menschlichen Gesellschaft“; sein „Tätigkeitsfeld“ müsse „beschränkt“ werden; mit „eiserner Konsequenz“ und „Härte“ müssten die „Träger (des) schleichenden und zersetzenden kommunistischen Giftes in Deutschland isoliert“, also mit allen Mitteln vom gestählten, gepanzerten „Volkskörper“ ferngehalten werden. In diesem organizistisch-biologistischen, rassen- und euthanasiepolitisch durchdrungenen Verständnis von „Volk“, das Ribbentrop wiederkäut, war Litten ein politischer Gefangener, der an von der Welt abgeschiedenen, uneinsehbaren, zivilgesellschaftlich undurchdringbaren, sozial entsicherten, panoptikonisch strukturierten, lückenlos überwachten, verlorenen Orten im eigentlichen Wortsinne „unschädlich“ gemacht werden sollte. Er war nämlich - draußen in „Freiheit“, draußen als energischer Ankläger, als kompromissloser Vorsitzender politischer, staatsunabhängiger Tribunale, als Initiator von hunderttausendfach aufgelegten Rote-Hilfe-Broschüren gegen Weimarer Polizeigewalt und faschistischen Straßenterror - „schädlich“ für diesen in einem Guss zusammenzuschweißenden, homogenisierten „Volkskörper“, der das „Deutsche Reich“ fortan zu sein hatte oder werden sollte. Er sollte für alle Zeiten kampfunfähig gemacht werden: und in der faschistischen Ideologie, die sich nun vollkommen im Staat ausgedehnt hatte, die Staat wurde, hieß das, dass er liquidiert, jedenfalls aus der Welt geschafft werden müsse. Dies sei nur eine Frage der Zeit ...

Dann präsentiert er seinen in Pathos ertränkten Stolz auf die „in der Geschichte des deutschen Volkes größte geistige Revolution, die zu der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus am 30. Januar 1933 führte“, und die „unter dem Zeichen völliger Legalität vor sich gegangen“ sei. (Aus diesen propagandistischen Ausführungen sollten Antifaschist*innen den unverrückbaren Schluss ziehen, dass den Nazis die komplette staatliche Macht übertragen wurde; welche*r in diesem Kontext (auf)wertend und realitätswendend von „Machtergreifung“ oder gar „Revolution“ spricht, übernimmt das verblendungszusammenhangsentfesselnde Romantisieren der Menschheitsverbrecher*innen, die sich dann in concreto am weitesten von bürgerlich konnotierter „Legalität“ entfernt hätten.)

Dann führt er aus, dass das „Dritte Reich“ keinen solchen Fehler mehr machen werde wie bei Georgi Dimitroff, einem der Hauptangeklagten im Reichstagsbrandschauprozess (in dessen willkürlich zusammengewürfeltem „Ermittlungszusammenhang“ ja auch Litten ursprünglich in Schutzhaft genommen worden war): Dieser sei auf internationalen Druck hin freigelassen worden, obwohl laut Ribbentrop vorherzusehen war, dass er im Anschluss als „wahrer Führer der Komintern“ zu einem der „eingefleischtesten Kommunisten und verschworensten Terroristen“ werden würde, der Propaganda, Terror und Gewalt verbreiten würde; auch im von Lord Allen repräsentierten „britischen Imperium“. Litten könne also nicht oder besser: niemals mit einer „Enthaftung“ rechnen; in „Freiheit“ wäre solch ein „Volksvernichter“ viel zu gefährlich für den wehrhaften „Führer-Staat“, der hier in Vertretung Ribbentrops „spricht“.

Und so war es denn auch: Die „Enthaftung“ Littens konnte weder:

a) unter Einflussnahme auf das „Innere“, die „harten Kerne“ des NS-staatlichen Machtapparats zur konkreten Anordnung gebracht noch

b) unter Erzeugung internationalen beziehungsweise hochkarätigen diplomatischen Drucks auf das deutsch-faschistische Terrorregime erreicht werden.

Auch das Begehen eines dritten Weges war schon in Ansätzen zum Scheitern verurteilt gewesen, weil sich zwei Gestapo-Spitzel „eingeklinkt“ hatten: Margot Fürst, ihr Mann und andere Nazi-Gegner*innen wollten Hans aus dem KZ Brandenburg an der Havel befreien, ihn „herausholen“. Bereits weit vor dem anvisierten „Tag der Entführung“ wurden die Fürsts festgenommen, ohne überhaupt in die Nähe Brandenburgs gekommen zu sein; Max Fürst wurde nach zwei brutalen Gestapo-Verhören, bei denen nichts Substanzielles, nur Widersprüchliches aus ihm herausgebrügelt werden konnte („man sah, dass er tatsächlich so gut wie unbeteiligt war“), für mehrere Monate ins Lager Oranienburg gesteckt; Margot Fürst, die der Gestapo gegenüber überzeugend vermitteln konnte, dass alles Befreiungs-Relevante ausschließlich von ihr ausgegangen sei und alle anderen „Beteiligten“ nicht (über die „Einzelheiten“) Bescheid wussten, kam zwar in länger angesetzte Haft, fiel aber bereits im August 1934 unter so genannte „nationalsozialistische Straffreiheitsbestimmungen“, die bei Irmgard zur letzten „Hindenburg-Amnestie“ werden (Hindenburg ist am 2. August 1934 gestorben). Die nun „auf Schritt und Tritt bedroht[en] und verfolgt[en]“ Fürsts verließen schließlich mit ihren Kindern Deutschland. Irmgard, die „auf dem Standpunkt [stand], (…) niemals etwas mit illegalen Dingen zu tun haben“ zu dürfen, hatte rein gar nichts von einem Befreiungsversuch gewusst, auch wenn viele ihrer an die Fürsts weitergegebenen, authentischen Informationen aus den Lagern gewinnbringend in die Befreiungspläne implementiert wurden.

Abgesehen davon, dass Hans Litten selbst nach dem bereits in Ansätzen gescheiterten Befreiungsversuch „drei Wochen lang (…) in strengster Isolierung im Bunker festgehalten“ wurde, musste er bei den „Verhören“ danach den Kode preisgeben, auf den sich er, seine Mutter und die Fürsts fürs Dechiffrieren vermeintlich oberflächlicher, „unbedarfter“ Briefnachrichten-Korrespondenz zwischen drinnen und draußen geeinigt hatten (im Littenschen Chiffrierungsfalle fungierte das Nomen „Denkmalsfigur“, das in Kreuzworträtseln zur sechs-buchstabigen „Statue“ wird, als Schlüsselwort; „jeder Buchstabe der Botschaft [wurde] durch den Buchstaben ersetzt“, der in jenem zentralen Referenzbegriff darauf folgte): Nur so konnte er belegen, dass er „von dem Entführungsplan [der Fürsts] zwar gewusst, ihn aber weder angenommen noch abgelehnt habe“, also „passiv“ geblieben sei. Nach diesem „Vorfall“ hat es lange gedauert, bis Irmgard ihren Sohn wieder besuchen durfte …

Jedenfalls konnte Irmgard die auf fünf Jahre ausgedehnte Ermordung ihres Sohnes nicht verhindern, obwohl sie ihr eigenes Leben für dessen Freilassung gegeben hätte. Ihr unermüdlicher Kampf konnte nicht verhindern, dass sie am 6. März 1938 in die „Leichenhalle“ des KZs Dachau geführt wurde, in die der tote Hans hineingelegt worden war. Auch ihre Hoffnung (auf Freilassung Hansens) starb zwar zuletzt, aber dennoch war sie gestorben. Und mit ihr die andere Hoffnung, weiterhin im auf den Zweiten Weltkrieg zusteuernden Deutschen Reich ansässig bleiben zu können: Die Litten-Familie emigrierte nach der Ermordung des ältesten Sohnes nach Großbritannien.

Vielleicht hat sich Irmgard deshalb nie mit der Kollektivschuldthese anfreunden können, weil sie zwar eine vollständiger und vollständiger werdende, gesellschaftlich aktiv mitgetragene Durchdringung aller Lebensbereiche mit deutsch-faschistischer Theorie, Terrorpraxis, Ideologie, Mystik, Gewaltförmigkeit, Massenpsychologie, Verblendung, Propaganda in direkter Auseinandersetzung mit dem Zuchthaus-, Zwangsarbeits-, Gefängnis- und Lagersystem nachvollziehen und nachzeichnen konnte, aber immer auch mit sehr vielen Menschen zu tun hatte, die innerhalb der Reichsgrenzen effektiv Widerstand gegen die fanatisch und gewaltexzessiv und eliminatorisch wütende Nazi-Barbarei geleistet haben. Einen Grad von Widerstand, der - vernünftig betrachtet - verunmöglicht, diesen antifaschistischen Widerstandskämpfer*innen eine Mitverantwortung an der singulären Menschheitsverbrechensverwaltung zuschreiben zu können. Und hier zieht Irmgard eine klare Linie zu all jenen, die anscheinend nichts gewusst haben, die nichts mitgekriegt haben, die bewusst weggeschaut haben, wenn festgenommen oder deportiert wurde, die sich „gelegenheitsnutzend“ an für sie lukrativen „Arisierungsmaßnahmen“ beteiligt haben, die zufällig denunziert haben, wenn sie zufällig etwas gesehen haben, die „mitgespielt“ haben, um nachher fragen zu können: „Was hätte ich denn machen sollen; sie hätten mich doch umgebracht?“ Oder noch besser: Die „nur“ Befehle ausgeführt haben, die nun einmal getroffen wurden in einem völkerrechtlich anerkannten, aber aktiv aus dem Völkerbund ausgetretenen Staatsgefüge. All jene (und das sind eben die meisten) sind selbstverständlich schuld an der lange zwölf Jahre andauernden, in die Reibungslosigkeit transformierten Funktionsweise des gezielt an die Macht gehievten NS-Apparats.

Irmgards damalige Wohnung hatte sich im Übrigen zu einem allgemein anerkannten „Umschlagplatz“ der Informationsweitergabe entwickelt: Die meisten der Ex-Häftlinge, die Hans während seiner fünfjährigen Odyssee kennengelernt oder etwas von ihm „mitgekriegt“ hatten, besuchten seine Mutter (unter hohem persönlichem Risiko), um ihr ausführlich und ungeschönt die Zustände in den Nazi-Folterhöllen darzulegen. Auch deshalb ist aus ihrem Bericht „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ eine erschütternde Dokumentation geworden, bei der sie authentische Schilderungen von unmenschlicher Ausbeutung, von Bestrafung, von bestialischer Misshandlung, von Psychoterror, von Folter, von Hinrichtungen schonungslos in allen Einzelheiten darlegt und in Beziehung setzt zu dem, was ihrem Sohn, der viel Zeit in Einzelhaft verbringen musste, entweder selbst widerfahren ist oder was er sich ansehen oder anhören musste. Und indem Irmgard das so schonungslos veranschaulicht, macht sie unmissverständlich deutlich, dass es dem Deutschen Faschismus als terroristischem Machtorgan immer nur um die Annihilation des „Volksschädlingshaften“ gegangen sei. Es ist noch nicht einmal die erschütterndste Stelle im Buch, aber sie zeigt in fast schon plastischer Weise an, wo der Weg eines offensiven Nazi-Gegners zwischen 1933 und 1945 enden sollte - in seiner staatlich sanktionierten Liquidation: Alle Neuankömmlinge in Brandenburg an der Havel „wurden schwer misshandelt. Außerdem durften sie sich in der Zelle nicht beschäftigen, durften nicht lesen, hatten keine Beleuchtung, sodass es vom Nachmittag an bis zum Morgen stockfinster war. Sie bekamen keinen Tropfen Wasser, weder zum Trinken noch zum Waschen. Sie durften sich nicht rasieren. Man wollte, dass diese politischen Häftlinge möglichst verkommen aussahen, um sich selbst auch möglichst verkommen zu fühlen. Die Gefangenen (…) mussten in rasendem Tempo über die Höfe rennen. Wer zurückblieb, wurde angebrüllt, geschlagen, getreten. Der dreckigste Hof wurde zum Exerzieren ausgesucht, auf und nieder, auf und nieder; man musste sich in die Pfützen werfen, durch meterlange Pfützen kriechen, in Pfützen Liegestütz machen. Alles bis zur Bewusstlosigkeit. (…) Die übrige Zeit war man untätig in die Zelle eingeschlossen. Hans aber hatte [auch hier] keine Ruhe, dauernd noch Verhöre ...“

Als wir im Jahre 2005 in Göttingen das Hans-Litten-Archiv gegründet haben, gab es keine Diskussion darüber, nach wem es benannt werden würde: „Der Namensgeber des Archivs … war [nicht nur] einer der bekanntesten Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands in der Weimarer Republik“, sondern über seine renommierte Stellung als solidarischer Strafverteidiger hinaus auch ein politischer, nicht parteiförmig organisierter, im besten Sinne strömungsübergreifend wirkender Aktivist, der sich an der Seite der Arbeiter*innenbewegung am emanzipatorischen Kampf gegen staatliche Unterdrückung, Ausbeutung, Verfolgung, Repression beteiligt hat. Er wollte verhindern, dass sich die reaktionärsten Teile des Weimarer Staatsapparates im Krisenbewältigungsmodus in eine Position brächten, von der aus sie den massenbewegten Faschismus erfolgreich an die Zentren der Macht bugsieren könnten. Gelungen ist ihm dies nicht; und für die nazistischen „Krisenbewältiger*innen“ oder „Krisenlöser*innen“, für die nunmehr gesamtstaatlich legitimierten „Kämpfer*innen gegen den Marxismus“ bedeutete dies, ihn der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, ihn zu töten, weil er vergessen, weil sich niemand mehr an ihn erinnern können wird. Und das ist ihnen nicht gelungen.

Auch wenn solche Kämpfe, wie sie der unvergessliche Hans Litten geführt hat, im extremsten, im absoluten Falle mit dem Tod der darin und dabei Engagierten enden können; es gibt keine Alternative dazu, sie zu führen. Und zwar genau so, wie sie Hans Litten geführt hat, wie er sie weiterhin geführt hätte, wäre seinen Mördern nicht die gesamtstaatliche Macht (zur grenzenlosen Willkür) überantwortet worden.

Wir aber leben noch, wir sind noch in der Lage, seine emanzipatorischen Kämpfe, die am 30. Januar 1933 ein jähes Ende fanden, hier und jetzt und modifiziert fortzusetzen, indem wir zusammen dafür sorgen, dass sich die so genannte Demokratie als eine verdichtete Form bürgerlich-kapitalistischer Herrschaft, die es revolutionär zu überwinden gilt, niemals mehr für den offen terroristischen Faschismus wird entscheiden können. Das sind wir Hans Litten schuldig. Deshalb werden im Hans-Litten-Archiv nicht nur „Materialien der Roten Hilfe und anderer linker Antirepressionsgruppen sowie Dokumente zur Geschichte der politischen Justiz und der Verfolgung vom Ende des Ersten Weltkrieges über die NS-Zeit, der Verfolgung von Kommunist*innen unter Adenauer und der Berufsverbote der 1970er Jahre bis zur Gegenwart“ gesammelt, sondern auch „Dokumente über den Widerstand gegen die Verfolgung der radikalen Linken, der sozialen Bewegungen und der Arbeiter*innenbewegung durch Polizei und Justiz seit der Wiedergründung der Roten Hilfe Mitte der 1970er Jahre gelagert“. Denn nur, wenn wir uns historisch des Wissens bemächtigen, wie und weshalb und mit welchen Folgen sich eine Demokratie in den totalen, den repressivsten, den herrenmenschentümelndsten Faschismus hinein involutionieren konnte, können wir im Hier und Jetzt radikale entnazifizierende Maßnahmen ergreifen, die eine Wiederholung von 33 von vornherein zu unterbinden in der Lage sind. Aber eben auch, wie weit staatliche Repression und das systematische Kampfunfähigmachen der an grundlegender Veränderung Interessierten dort gehen können, wo gegenwärtig von einer stabilen beziehungsweise wehrhaften „freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ geraunt wird. Das Hans-Litten-Archiv hilft uns bei dieser Bemächtigung. Es ist der am 13. Juni 2005 als gemeinnützig anerkannte „Verein zur Errichtung und Förderung eines Archivs der Solidaritätsorganisationen der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung und der sozialen Bewegungen (Rote-Hilfe-Archiv) e.V.“

[Alle nicht gekennzeichneten Zitate im Text sind dem Buch entnommen: Irmgard Litten: „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“, Deutscher Anwaltverlag, Bonn, 2000 (Lizenzausgabe des Röderberg-Verlags)]

 

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Online-Veranstaltung

 

Mittwoch, 17.3.2021

19.00 Uhr

 

Henning von Stoltzenberg (Bundesvorstand der Roten Hilfe e. V.) und Silke Makowski (Hans-Litten-Archiv e. V.) stellen die Entwicklung des Tags der politischen Gefangenen seit 1923 vor und diskutieren über die Bedeutung der jährlichen Aktionen rund um den 18. März.

 

Zugangsdaten: ab 15. März über rote-hilfe.de

Veranstaltet von: Bundesvorstand der Roten Hilfe e. V. in Kooperation mit dem Hans-Litten-Archiv e. V.

 

Wir freuen uns, jetzt erste wesentliche Teile unserer Bestände zur Roten Hilfe Deutschlands (RHD) der 1920er und 1930er Jahre und deren Nachfolgeorganisationen als pdf-Dateien online bereitstellen zu können. Die umfangreichen Materialien zur Roten Hilfe in den 1970er Jahren haben wir bereits seit längerer Zeit auf unserer Homepage. Seit Dezember 2020 sind viele RHD-Publikationen hinzugekommen, die aus umfangreichen Ankäufen stammen. Neben einer größeren Anzahl Broschüren sind es v.a Periodika. Einerseits das RHD-Organ "Der Rote Helfer" und sein Nachfolger "Tribunal". Hinzu kommen das "IRH-Bulletin" und die Funktionärzeitschriften "Mopr" und "Der Rote Block". Andererseits eine Reihe von regionalen RHD-Zeitungen aus den Bezirken Berlin-Brandenburg ("Klassenjustiz") und Erzgebirge-Vogtland ("Der Rote Sanitäter" und Hölle").

Die Materialien werden wir in der nächsten Zeit laufend ergänzen.

Hans-Litten-Archiv e.V.

 

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